Es ist ein warmer Frühlingstag in Berlin, als ich mich das erste Mal aufräume mit der Musik von The 1975. Der Regen hat gerade aufgehört, und aus einem kleinen Café in der Nähe weht mir der unverkennbare Sound der Band entgegen: diese Mischung aus melancholischem Pop, schimmerndem Synthie-Glitzer und einem Hauch von jugendlicher Verlorenheit. Aber je länger ich zuhöre, desto mehr frage ich mich: Wie bewertet eigentlich Matty Healy, der charismatische Frontmann, diese eigenen Werke? Ist der Künstler, der hinter all dem steht, tatsächlich der beste Kritiker seines Schaffens? Oder gibt es hier, sehr meta, eine eitle Fehleinschätzung, die dafür sorgt, dass einige Alben unverdient im Schatten stehen?
Matty Healy hat sich öffentlich selbst gerankt — auf Twitter, öffentlich und ohne falsche Bescheidenheit. Überraschenderweise setzte er sein gleichnamiges Debütalbum ganz nach unten, auf den letzten Platz, als hätte er selbst keine Lust, mit diesem Werk in Verbindung gebracht zu werden. Für viele Fans eine Provokation, für mich zugleich Ausgangspunkt einer kleinen philosophischen Überlegung darüber, wie subjektiv Kunst sein kann, auch wenn sie von den Schöpfern selbst bewertet wird. Healy mag in so mancher Hinsicht falsch liegen; und nein, das ist nicht nur eine Geschmacksfrage.
Nehmen wir „Notes On A Conditional Form“ von 2020, das vielleicht widersprüchlichste und ambitionierteste Album der Band. Es ist wie ein Klang-Puzzle, das aus 22 Stücken besteht, von denen manche klingen, als hätten sie wenig miteinander zu tun. Ein Greta-Thunberg-Interview eröffnet das Album, gefolgt von einem abrupten Wechsel in einen beinahe punkigen Screamo-Song, die nächste Passage verliert sich in Ambient-Experimenten. Über 15 Studios hinweg und 19 Monate lang entstanden, fühlt sich „Notes“ manchmal an wie die Summe verborgener Fragmente aus verschiedenen Räumen, die ein Algorithmus wahllos zusammengeschoben hat. Man spürt fast greifbar den Versuch, das digitale Zeitalter mit all seiner Oberflächlichkeit, Verwirrung und Fragmentierung abzubilden. Es ist gewagt, chaotisch, und behält doch Momente von erstaunlicher Schönheit: Da ist der schlichte Herzschmerz in „Jesus Christ 2005 God Bless America“ oder die weit ausladende, gospelgetränkte Atmosphäre in „Nothing Revealed, Everything Denied“. Und dann „If You’re Too Shy (Let Me Know)“ – ein Groove, der so verführerisch wirkt, dass er zu Recht zu den größten Hits der Band gehört. Dieses Stück ist eine Hymne auf das Verliebsein, auf den digitalen Voyeurismus und die Sehnsucht, die dahintersteckt, in einer Welt, in der Nähe oft nur ein Pixel entfernt ist.
Ein Stück zurück in der Zeit liegt „I like it when you sleep, for you are so beautiful yet so unaware of it“ von 2016, ein Albumtitel fast so lang wie eine Liebeserklärung und voll von diesem bittersüßen Pathos, das The 1975 fast unverkennbar macht. Der Sound hier ist üppiger, komplexer, das Arrangement fast dekadent verschwenderisch, der Junge, der ihn trägt, wirkt gerade erst aufgewacht – gleichzeitig überrascht und verloren. Dieses Album ist wie ein Kaleidoskop der Jugendgefühle: Verliebtheit, Verwirrung, Selbstzweifel und eine leise Wut. Es ist eine Platte, in der unendliche Möglichkeiten von poppigem Glamour und roher Verletzlichkeit aufeinanderprallen. Manchmal verliert man sich darin, aber das ist genau der Reiz: Es drängt an Grenzen und lässt Raum für Wiederentdeckungen bei jeder neuen Wendung.
Die Diskrepanz zwischen Künstler und Publikum, sie ist hier faszinierend. Wann wird Selbstkritik zum Werkzeug der Selbstzerstörung? Wann dient sie dazu, Zukunft zu planen, statt das Jetzt anzuerkennen? Gerade in einer Zeit, in der Künstler oft ihrem eigenen Mythos hinterherjagen, wirkt Healys Ranking wie ein absichtsvoller Seitenhieb, ein Spiel mit Erwartungen. Und dennoch darf man widersprechen, darf man die Werke für sich sprechen lassen – auch gegen die Meinung ihres Vaters, ihres Schöpfers.
Man könnte noch unendlich anhalten bei den weiteren Alben. Jeder Ton, jeder Textabschnitt erzählt von einer Band, die sich selbst treu bleiben will, und doch nie Angst davor hat, sich zu wandeln, sich zu verlieren. Zwischen Selbstbewusstsein und Zweifel, zwischen digitalen Fragmenten und echter Menschlichkeit. The 1975 sind nicht perfekt, und sie müssen es auch nicht sein. Vielleicht ist gerade in dieser Dissonanz ihre größte Stärke verborgen – und die Schönheit ihrer Musik, die uns immer wieder neu empfängt, wenn der Regen nachlässt und irgendwo ein vertrauter Song erklingt.