Der Umbruch in den deutschen Netzen: Ein Paradigmenwechsel im Stromausbau
Wann wurde es eigentlich zum ersten Mal laut um die Idee der „Stromautobahnen“? Die Frage schwirrt durch die Köpfe derjenigen, die sich seit Jahren mit dem Thema Energieinfrastruktur beschäftigen. In den letzten Monaten ist das Thema, das einst nur in Fachkreisen diskutiert wurde, wieder in das öffentliche Bewusstsein gedrungen – und das aus gutem Grund. Zusammenhanglos wirken die Debatten nicht, wenn man die grundlegenden Herausforderungen der Energiewende betrachtet: der Ausbau der erneuerbaren Energien, der Rückgang fossiler Brennstoffe und die Notwendigkeit, überschüssige Energie dort zu transportieren, wo sie gebraucht wird.
Gigantische Windparks vor den Küsten Norddeutschlands, die keine Stromleitungen zur Anbindung haben, wirken mehr wie ein modernes Märchen als eine pragmatische Lösung. An diesem pointierten Punkt der Diskussion stehe ich auf einem alten Deich in Schleswig-Holstein, wo der Wind ungehindert über die Felder weht. Hier, wo die grünen Wiesen sich mit saftigen Bögen in die Weite ziehen und die Schafe gemütlich ihre Runden drehen, kann man sich fast bildlich vorstellen, wie überdimensionale Erdkabel verlegt werden, tief in den Boden gebettet, um den Sturmwind zu zähmen und nach Süden zu leiten.
Doch während die Visionen von überirdischen Stromleitungen mit ihren markanten Masten dank der Drähte zwischen den Türmen die Landschaft prägen, wird langsam klar, dass das Bild der „Schweizer Architektur“ der Stromnetze nicht das Ende der Diskussion ist. Große Stromnetzbetreiber fordern einen Umbruch: weg von den Erdkabeln, hin zur Bauweise mit Freileitungen. Innovative Ansätze kosten Milliarden – und nach einer Zeit des Stillschweigens und der Frustration regt sich nun Widerstand.
Der Aufenthalt an diesem trostlosen Ort ist geprägt von der Stille, die nur vom Rauschen des Windes und dem gelegentlichen Blauspiel eines vorbeiziehenden Autos durchbrochen wird. So vergehen die Tage, und die politische wie öffentliche Diskussion über den „Erdkabelvorrang“ nimmt Fahrt auf. Die Investitionen von rund 20,8 Milliarden Euro für den Bau und die Errichtung der neuen Leitungssysteme werden nicht mehr für haltbar erachtet. „ Wir können nicht Jahre warten, während die Energiewende auf der Strecke bleibt“, bemerkt ein Ingenieur, der mit dem Bau eines dieser ‚Stromautobahn-Projekte’ befasst ist.
Ein paar Kilometer weiter steht ein großer, blauer Windpark mit rotierenden Rotorblättern, ruhig vor der endlosen Weite des Horizonts. Der Ingenieur, der namhafte Aussagen beim Bundeskartellamt unterbreitet, kann nicht umhin, die parallelen Hindernisse mit einer mächtigen Metapher zu vergleichen: "Wenn wir den Ballast der komplizierten, zeitraubenden Erdverkablung mit sich tragen, verschmelzen Hoffnung und Realität zu einer krachenden Enttäuschung. Wir brauchen Transformatoren und Transformationsgeschwindigkeit!“
Die Frage des „Was wäre wenn?“ lässt sich hier nicht mehr pauschal auflösen. Ein Besuch bei den Stadtwerken Hamburg gibt prägnante Einblicke in die Überlegungen der urbanen Energieversorger. „Wir haben uns auf ein Modell fokussiert, das nicht nur aus ökologischer Sicht, sondern auch ökonomisch besteht“, erklärt ein Mitarbeiter. Es gibt Ängste, dass der Ausbau vor den Toren der Stadt die Lebensqualität mindern könnte – sowohl in Bezug auf die Raumordnung als auch auf die Schönheit der Natur.
Um die Bedenken der Anwohner im Blick zu behalten, scheinen neue Konzepte zur Akzeptanzfindung in den Vordergrund zu treten. Der Geschäftsführer eines benachbarten Versorgers schlägt vor, die Erdverkabelungs-Debatte als eine Art „Wettbewerb der Möglichkeiten“ zu verstehen: „Wir könnten die Kraft des öffentlichen Dialogs nutzen, um den Menschen die Chance zu geben, aktiv an der Gestaltung dieser Infrastruktur beteiligt zu sein. Wenn wir von Stromautobahnen sprechen, dürfen wir die Menschen nicht nur als Zahlen, sondern als Bürger mit Vorstellungen in den Zwangsdialog hineinziehen.“
Zukunftsprognosen spuken in vielen Köpfen herum, die Befürworter von Erdkabeln befürchten die Abkehr nicht nur von der konkreten Technik, sondern auch von der Vorstellung, unser Land in eine ökologisch beispielhafte Zukunft zu führen. Ein Widerspruch, der nur durch differenzierte Denkansätze aufgelöst werden kann.
Die Debatte drängt darüber hinaus in einen weiteren Raum: Die heute debattierten Stromautobahnen könnten in Zukunft Produkt einer vernetzten Infrastruktur werden, die bereits auf den ersten Blick revolutionär erscheint, jedoch auch Fragen nach den Langzeitkosten und der gesellschaftlichen Akzeptanz aufwirft.
Und so bietet der trostlos anmutende Deich mehr als nur eine Kulisse – er erweist sich als ein Katalysator für den Diskurs über unsere energetische Lebensweise. Schließlich führt das Stromnetz unserer Zeit, egal wie man es gestaltet, immer wieder zu den Menschen, die Powersupply in der nächsten Generation sicher und nachhaltig gestalten wollen. Ein Erbe, das man liebevoll, jedoch mit dem bewussten Wissen um die Herausforderungen für die nächsten Jahrzehnte weitergeben sollte.