Im Schatten der Giganten – Valeo und der Wandel der Automobilindustrie
Wenn man die Wendelstraße in Bietigheim-Bissingen betritt, ist von der Ruhe im Bürogebäude der Valeo-Gruppe nichts zu spüren. Hier, zwischen den akkuraten Büros und dem drängenden Geräusch der Maschinen, führt CEO Christophe Périllat ein engagiertes Gespräch mit seinen Führungskräften über die zukünftige Strategie des Unternehmens. Auf dem Tisch liegen skizzenhafte Entwürfe neuer Komponenten, die in die nächste Generation von Elektrofahrzeugen eingebaut werden sollen. Die Technik, die hier entwickelt wird, ist nicht nur ein Produkt des Ingenieurhandwerks, sondern auch das Resultat scharfer wirtschaftlicher Überlegungen – eine Art Intuition, die in Zeiten des Wandels besonders gefragt ist.
„Wir müssen uns genau überlegen, was wir in Deutschland herstellen wollen“, sagt Périllat, während er an seinem Tisch sitzt, den Blick über die Ausblicke der Stadt schweifen lässt. Es ist ein markantes Statement, das nicht nur für seine Firma steht, sondern auch für die gesamte Branche, die sich an der Schwelle zu einem entscheidenden Umbruch befindet. Deutschlands Automobilmarkt, einst ein Bollwerk des Fortschritts, wird von Unsicherheiten geplagt – die Nachfrage stagniert, während die Risiken, vor allem im Bereich der Zulieferer, steigen.
Es sind nicht nur Worte, die Périllat wählt; hinter der Planungsintensität schimmert auch eine tiefe Sorge. Valeo zählt zu den größeren Zulieferern, die sich mit neuartigen Technologien und einer diversifizierten Produktpalette sicherer fühlen als viele Konkurrenten. Doch der Druck auf die Lieferkette, in Verbindung mit den Herausforderungen der Energiepolitik, sorgt dafür, dass selbst dieses Unternehmen an seine Grenzen stößt. „Die staatliche Unterstützung ist jetzt entscheidend. Wir können nicht alleine dastehen“, betont er, und die Entschlossenheit in seiner Stimme ist unüberhörbar.
In der Fertigungshalle, gleich um die Ecke, trifft man auf eine junge Ingenieurin, die gerade an einem Prototypen für ein neues Fahrerassistenzsystem arbeitet. Ihre Finger gleiten über die leuchtenden Displays, während sie die Anweisungen zur Programmierung, die in zig Sprachen abgespeichert sind, aufmerksam durchgeht. „Es geht nicht mehr nur um Teileproduktion“, so ihre Worte, „wir befinden uns in einem Wettlauf um intelligente Lösungen.“ An einer Wand sind Post-Its angebracht, die unterschiedliche Aspekte des Produktionsprozesses abdecken, aber das tatsächliche Herzstück ihrer Arbeit ist das ständige Streben, adäquat auf die Verzögerungen der Rohstofflieferungen zu reagieren.
Valeo hat sich erfolgreich auf ein Konzept der Agilität eingestellt, das in diesen wechselhaften Zeiten von entscheidender Bedeutung ist. Außenstehende könnten meinen, das Unternehmen habe einen unmissverständlichen Plan, aber in den Besprechungsräumen spiegelt sich die Unsicherheit der gesamten Branche wider. Angesichts der wachsenden Elektrifizierung, des Übergangs zu nachhaltigen Energien und der steigenden Regulierung brodelt es hinter den Kulissen. Das Management hat vor, die Fertigung in Deutschland zu erhalten – aber nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Ein heißes Thema kommt auf: die Kühlerlüfter für Elektrofahrzeuge.
„Wir wollen nicht nur über Technologien sprechen, sondern darüber, wie unsere Produkte in der Realität ankommen“, erklärt Périllat und hebt die Wichtigkeit von staatlichen Initiativen hervor. Eine Förderung für Forschung und Entwicklung oder Subventionen für den Standort Deutschland könnten den Unterschied ausmachen. Er veranschaulicht dies mit einem Beispiel aus der Herstellung von Sensoren: „Wenn die Zuschüsse für Innovation nicht erhöht werden, wird die Entscheidung, hier zu bleiben, schwer fallen.“
Die Aufmerksamkeit von Valeos Management ist auf die internationalen Märkte gerichtet, aber die lokale Produktion bleibt von extremer Relevanz. Die Ingenieure hier haben einen gewissen Stolz, der in ihrer täglich wiederkehrenden Arbeit schimmert. Sie sind die Architekten technischer Lösungen, die nicht nur effizient, sondern auch nachhaltig sind. „Wenn wir die Automobilindustrie transformieren wollen, müssen wir mutig sein“, sagt Périllat.
Ein unweigerliches Bild drängt sich auf: In den letzten Jahren hat sich härterer Wettbewerb um innovative Technologien in der Branche formiert. Während alteingesessene Marken um ihre Marktanteile kämpfen, verfolgt Valeo derweil eine Strategie, die sich an der Elektrifizierung orientiert. Périllat ist sich der Herausforderungen bewusst, doch seine optimistische Einstellung ist ansteckend. „Wir betrachten uns nicht als Verlierer – wir sind in einer Position, in der wir noch alles erreichen können. Es ist wie ein großes Schachspiel: Wir müssen die richtigen Züge im richtigen Moment machen“, konstatiert er mit einem Lächeln.
Aber der Klang des Schachzugs wird gedämpft von den tieferen Tönen der Maschinen, die in der Werkshalle unermüdlich arbeiten. Der Konkurrenzdruck ist auch hier spürbar. Manchmal zieht die Fabrikhelligkeit, die für die Geräte notwendig ist, den Blick von den müden Gesichtern der Mitarbeiter ab, die sich dem stetig wachsenden Bedarf an neuen Lösungen anpassen müssen.
In dieser Welt, die sich nicht einmal mehr für einen kurzen Moment ausruhen kann, wird das Unternehmen mehr denn je ein Beispiel dafür sein, wie eine gesunde Balance zwischen Innovation, Standorttreue und dem unaufhörlichen Drang nach Fortschritt aussehen kann. Um zu überleben, gibt es letztlich keine Wahl: Man muss die Perspektiven erweitern und auf die Veränderungen reagieren, egal, wie herausfordernd sie auch erscheinen mögen.
„Wir haben viel zu tun, und die Zeit drängt. Aber wir schaffen das“, sagt Périllat zum Schluss. In diesem Moment klingt es fast wie ein Versprechen – sowohl an seine Mitarbeiter als auch an die eigene Vision für die Zukunft. Die Maschinen surren weiter, während draußen die Wendelstraße in der Dämmerung liegt; eine Stadt in Bewegung, in der jeder Blick aufs Wetter auch eine Frage nach der Zukunft der Automobilindustrie stellt.