Wenn der Tod tanzt – und der Wahnsinn mitkommt
Es ist eine jener stillen Nächte, in denen das übliche Neonlicht der Stadt seltsam flackert, und der spätestens um Mitternacht eingeschaltete Fernseher eigentlich nichts Neues verspricht. Und doch: Während die meisten Streaming-Kanäle ihre vertrauten Blockbuster-Kletterpartien in Millionen-Dollar-Budgets inszenieren, ist da plötzlich ein Film, der sich beharrlich der Norm widersetzt. „28 Years Later“ heißt er, ein Sequel, das trotz – oder vielleicht gerade wegen – seines irritierenden Charmes fasziniert und verwirrt.
Danny Boyle, der Mann, der uns mit „28 Days Later“ einst die Möglichkeit einer Zombie-Apokalypse so nahbrachte, dass wir noch lange nach dem Kinobesuch die Straßen mit Argwohn betrachteten, hat sich mit Alex Garland zusammengetan, um die düstere Geschichte fortzuschreiben. Doch was sich hier präsentiert, ist weder ein schlichter Horrorfilm noch ein seelenloser Pathos-Verschnitt. Im Gegenteil: Man bekommt das Gefühl, einem Experiment beizuwohnen, einem wilden Ritt zwischen klugen Visionen, absonderlichen Stilmitteln und einem Hauch Verrücktheit.
Denn bei „28 Years Later“ setzt man nicht auf die bequeme Sicherheit eines linearen Erzählflusses. Stattdessen stolpert man durch Szenen, die plötzlich von lyrischer Ruhe in brutales Chaos umkippen, von Entrückung in der Natur mitten in das schmutzige Herz der Infektion. Man fragt sich unweigerlich: Wie hat ausgerechnet diese Welt, deren Alltag punktgenau 2002 gestoppt wurde, überlebt? Wo war Pierce Brosnan eigentlich all die Jahre? Und ja, wären Zombies tatsächlich stark genug, einem den Kopf abzureißen – immerhin sprechen wir hier von diesen monströsen Kreaturen, die man sich eher als stapelweise gefrorene Industriekühltruhen vorstellt?
In diesem Wirrwarr aus Fragen entwickelt sich jedoch ein unerwarteter Held, der kleine Spike, gespielt von Alfie Williams. Er wurde Zeuge, wie seine Mutter Isla (Jodie Comer) starb – und nun zieht er allein durch die verwaiste Landschaften des einstigen Britanniens. Die Kamera begleitet ihn fokussiert, fast liebevoll, wenn er am Feuer sitzt, über seiner frisch gefangenen Beute brütet oder mit Pfeil und Bogen die letzten Überreste von Hoffnung verteidigt. Doch auch für den besten Überlebenskünstler gibt es Grenzen: Als eine Horde Infizierter auf ihn zustürmt, gibt es keinen Ausweg mehr, die schluchtartige Straße ist durch Steine versperrt.
An diesem Wendepunkt geschieht das Überraschendste: Ein anderer taucht auf. Ein Mann, der kaum wiederzuerkennen ist – „Jimmy“ nennt er sich, wild gekleidet in leuchtende Trainingsanzüge, mit einer Kette, die wie ein Familienschmuckstück glänzt. Es ist Jack O’Connell, der aus dem Schatten des Kindes, das in einem verstörenden „Teletubbies“-Intro auftauchte, hervorgeht und den Zuschauer in seine eigenwillige Welt entführt. Ein Hauch von Wahnsinn liegt in seiner Art, nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, wie viele Jahre in der postapokalyptischen Einsamkeit vergangen sind, versehen mit Verlust und Schmerz.
Was folgt, könnte man als eine Tanznummer auf Leben und Tod bezeichnen: Eine weitere „Jimmy“-Gang taucht auf, bunt und wild, ausgestattet mit Speeren und Nunchakus. Ein furioser, blutiger Kampf entfaltet sich, wie aus einem Tarantino-Film, bei dem jede Bewegung zelebriert wird – ein chaotisches, fast theatralisches Stelldichein zwischen Gewalt und Überlebenstrieb. Sie schlagen die Infizierten zusammen, präsentieren ihr anarchisches Reich auf der Straße, jene Straße, die zum Tor zu Teil zwei wird: „The Bone Temple“ verspricht im Januar eine noch ruchlosere Fortsetzung.
Der Film hinterlässt den Zuschauer lächelnd, schockiert, nachdenklich – und ein bisschen hoffnungslos verloren in einer Welt, in der die Grenzen zwischen Vernunft und Wahnsinn nicht nur verschwimmen, sondern explodieren. Es ist die Einladung, sich zu verlieren in einem Narrativ, das mehr ist als Zombiegrusel – ein Blick auf das Fortbestehen der Menschlichkeit, auch wenn sie rumpelt, stolpert und manchmal schlichtweg abdreht.
Und so sitzt man da, vielleicht leicht desorientiert, aber dankbar für dieses mulmige Gefühl, das einen bei guter Kunst stets überkommt: Nicht alles lässt sich begreifen. Nicht jede Geschichte darf glattgestrichen werden. Manchmal muss man sich einfach auf das Unbekannte einlassen. Gerade wenn es heißt: Willkommen zurück in einer Welt, die noch lange nicht tot ist – und den Wahnsinn mitbringt.