Kaum ein Auto fühlt sich auf der Straße so eigenständig und eigenwillig an wie der Lucid Air. Dieses Fahrzeug ist keine Kopie, keine Anpassung an vorhandene Muster – es ist ein Statement, ein avantgardistisches Stück deutscher Ingenieurskunst, übersetzt in die Sprache der Elektromobilität. Und wer in diesen Wagen einsteigt, spürt sofort: Hier wurde nicht nur Technik verbaut, hier wurde Leidenschaft gestalterisch und technisch auf ein neues Level gehoben.
Seit 2021 liefert Lucid den Air aus, und doch wirkt die Limousine immer noch frisch und innovativ. Das liegt vor allem daran, dass das Unternehmen permanent an Hard- und Software feilt. So war ich während eines Wochenendtstests live dabei, als eine große Software-Aktualisierung eingespielt wurde – inklusive der neuen, freihändigen Fahrerassistenz DreamDrive Pro. Ein Novum in der Branche, denn Updates dieses Umfangs installierte ich selten während einer Testfahrt. Aber das Fahren selbst bleibt der Kern dieses Autos – der Air vermittelt ein Gefühl von Kontrolle, Stabilität und purer Fahrfreude, die man ansonsten eher aus der besten Zeit des klassischen BMW kennt: präzise, direkt und dennoch komfortabel. Die drei Fahrmodi Smooth, Swift und Sprint beweisen eine brillante Balance, bei der weder der Komfort noch das sportliche Handling auf der Strecke bleiben.

Die Technik unter der Haube dieses Elektro-Meisterwerks liest sich eindrucksvoll: 92 kWh Lithium-Ionen-Batterie, 620 PS und satte 1200 Nm Drehmoment (umgerechnet 885 lb-ft), die den Wagen in 3,4 Sekunden von 0 auf 100 km/h katapultieren. Mit einer Reichweite von bis zu 655 Kilometern übertrifft der Air viele Konkurrenten mühelos. Doch trotz dieser brachialen Kraft ist die Gasannahme so feinfühlig abgestimmt, dass auch ruhiges und entspanntes Fahren keine Herausforderung darstellt. Ein wahres Kraftpaket, bei dem Überschuss nicht nur Leistung heißt, sondern auch Kontrolle und Eleganz.

Beim Fahren merkt man sofort, dass die Entwickler bei Lucid echte Enthusiasten sind. Die Ingenieure, denen ich begegnete, leben für das Automobil, für die pure Fahrdynamik. Kein Wunder, dass dies in jeder Kurve, jeder Beschleunigung und jeder Bremsung spürbar wird. Obwohl der Air im Portfolio eher in der Mitte angesiedelt ist, fühlt er sich wie ein kompromissloser Sportler an – womit er praktisch alle Bedürfnisse eines Autofahrers für den täglichen Gebrauch abdeckt, ohne mit zu viel aufdringlichem Schnickschnack zu protzen.
Ein kleiner Kritikpunkt bleibt die Bremsanlage: Der Lucid Air regelt die Energierückgewinnung ausschließlich über den sogenannten „One-Pedal-Drive“. Wer klassisch mit dem Bremspedal bremst, muss in Kauf nehmen, dass die Effizienz sinkt. Hier wäre ein sogenanntes „Blended Braking“ wünschenswert, das die optimale Kombination aus Rekuperation und mechanischem Bremsen ermöglicht – für ein noch harmonischeres Fahrerlebnis.
Doch wenn wir von Effizienz sprechen, ist der Lucid Air ein Musterbeispiel. Selbst im Sommer, bei größtenteils etwa 600 Kilometern gemischter Fahrt durch Stadt, Land und Autobahn, erreichte ich trotz eingeschalteter Klimaanlage eine Effizienz von etwa 4 Meilen pro Kilowattstunde – das entspricht gut 6,5 km pro kWh. In der Praxis bedeuten das immerhin ca. 580 Kilometer Reichweite, eine beeindruckende Zahl, die zeigt, wie gut die Technik aufeinander abgestimmt ist, ohne auf Fahrspaß zu verzichten.

Der Innenraum bietet ein Stück Raumfahrtgefühl: der Platz für Fahrer und Passagiere ist großzügig, fast palastartig. Trotz der ähnlichen äußeren Abmessungen gegenüber einer Mercedes E-Klasse oder einem BMW 5er offenbart sich drinnen eine ganz eigene Dimension von Freiheit. Sowohl der vordere als auch der hintere Kofferraum sind erstaunlich groß, was der Alltagstauglichkeit zugutekommt. Die digitale Anzeige ist elegant geschwungen und äußerst übersichtlich, auch wenn die minimalistische Bedienphilosophie mitunter kompliziert wirkt. Zum Beispiel erfordert der Wechsel zwischen Batterieladestand und Reichweite einige Klicks, obwohl beide Werte jederzeit sichtbar sein sollten. Zudem sind wichtige Bedienelemente wie Spiegel- oder Tempomat-Funktionen im unteren Touchscreen versteckt, was die Bedienung unnötig verkompliziert.
Auch wenn man angesichts eines Grundpreises von rund 76.500 Euro, respektive über 96.600 Euro in der getesteten Ausstattung, fast perfekte Premium-Qualität erwarten würde, gibt es auch hier ein paar Abstriche. Plastiktritt wird beispielsweise an manchen Stellen sichtbar, und die Spaltmaße sind inkonsistent. Hinzu kommen gelegentliche Knack- und Quietschgeräusche, die man bei einem Fahrzeug dieser Preisklasse eigentlich nicht tolerieren möchte. Dieses Merkmal verortet den Lucid Air als ein Produkt eines jungen Herstellers, der zwar technische Höchstleistungen vollbringt, bei der Umsetzung der letzten Details aber noch nachbessern muss.
Die neue, freihändige Fahrerassistenz DreamDrive Pro arbeitet insgesamt solide – auf Deutschlands Autobahnen wird sich der Alltagseinsatz zeigen müssen. An manchen nordamerikanischen Strecken, mit schmalen, kurvigen und stark befahrenen Straßen, schwankte das System an den Fahrbahnmarkierungen und überzeugte nicht zu 100 Prozent. Doch selbst diese Schwäche schmälert kaum den Gesamteindruck von Lucids Ansatz, die Mobilität der Zukunft effizienter, sicherer und komfortabler zu gestalten.

Der Lucid Air spricht eine ganz gezielte Käuferschicht an: Man braucht eine Vorliebe für ausgeklügelte Technik, einen Blick für das Detail und die Geduld, den manchmal unperfekten, aber dennoch faszinierenden Charakter des Fahrzeugs zu akzeptieren. Genau diese Nische macht den Air zu einem liebenswerten Außenseiter in der Oberklasse. Während viele Hersteller eine Branche bedienen, die sich in der Komfortzone bewegt, wirbelt Lucid mit seinem Luftikus die altehrwürdigen Konventionen kräftig durcheinander.
Wer diesen Wagen wählt, investiert in Ingenieurskunst, kompromisslose Leistung und echte Leidenschaft – und kauft damit gleichzeitig ein Stück Zukunft, das immer noch die Spuren seiner jugendlichen Unvollkommenheiten trägt. Der Lucid Air ist nicht einfach ein Auto, er ist ein Erlebnis: ein leiser Kraftprotz mit feinem Fahrgefühl, dessen Nachklang einem noch lange nach der Fahrt im Ohr liegt.