Es ist eine kühle, graue Morgenstunde in der nordrhein-westfälischen Stadt Duisburg, wo sich Gleise wie schlafende Schlangen durch den Nebel schlängeln. Ein neuer Tag bricht an in der Welt des Schienentransports, und mit ihm kommt die Anspannung derjenigen, die für die Zukunft des Einzelwagenverkehrs von DB Cargo verantwortlich sind. Es ist der Teil der Bahnlogistik, der oft im Schatten der massenhaften Güterzüge steht und doch genauso kriegsentscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens ist.
„Was brauchen wir? Flexibilität“, sinniert Henrik Schmitt, der als Projektmanager für innovative Transportlösungen arbeitet. „Der Einzelwagenverkehr ist kein starres Gerüst, sondern ein lebendiger Organismus, der sich an die Bedürfnisse des Marktes anpassen muss.“ Schmitts Stimme ist klar, doch in seinem Blick schwingt eine tiefe Besorgnis mit. Zu oft habe man in den letzten Jahren die Herausforderung des Einzelwagenverkehrs vernachlässigt; die Verlange sind nicht mehr mit den Angebotserwartungen im Einklang.
Nicht weit von Schmitts Schreibtisch entfernt flüstern die Hochregale eines Warenlagers von einer anderen Zeit – als der Einzelwagenverkehr in den 90er Jahren im Aufwind war. Damals war er das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, ein Nebenweg für die Unternehmen, die nicht die ganze Kapazität eines Güterzuges benötigten. Heute allerdings ist dieser Verkehrsteil kaum mehr als ein Schatten seiner selbst. Kunden klagen über steigende Kosten, unzuverlässige Lieferzeiten und eine allgemein unzureichende Servicequalität. Die Suche nach neuen Konzepten hat begonnen, doch sie stellt die Verantwortlichen vor gewaltige Herausforderungen.
Auf dem Bahnhofsvorplatz von Duisburg beobachte ich währenddessen einen Lokführer, der mit einer entspannten Gelassenheit über den harten Stahl der Gleise geht. Er kennt die Zügen in- und auswendig, die Geräusche des Bremsens und die Signale, die ihm den Weg weisen. Andalusische Musik dringt aus einem kleinen Kiosk, wo ein älterer Mann seine Brötchen frisch aufbackt und Kaffee serviert. „Die Bahn wäre besser dran, wenn sie die Menschen mehr wertschätzt, die hier arbeiten“, murmelt ein Kollege des Lokführers, während er auf sein Handy schaut. „Klar, die Technik muss stimmen, aber letzten Endes sind es die Menschen, die die Bahn am Laufen halten.“
Der Einzelwagenverkehr könnte auf fruchtbare Ideen gesetzt werden: Kundenorientierte Lösungen, neue digitale Plattformen und ein Umdenken in der Art und Weise, wie Güter transportiert werden. DB Cargo hat die Realisierung eines digitalen Marktplatzes für den Einzelwagenverkehr ins Spiel gebracht – ein Ansatz, der sich stark an Start-ups orientiert, die im Internet erfolgreich Fuß gefasst haben. Doch die Umsetzung ist alles andere als leicht. Henning Krüger, ein Mitglied der Planungsabteilung, beschreibt die Widerstände vonseiten der internen Strukturen: „Manchmal scheint es, als würden wir gegen die eigene Tradition ankämpfen. Wir müssen ein Denkmal niederreißen, um etwas Neues zu schaffen.“
Das gesamte Unternehmen hat das Gefühl, auf einem schmalen Grat zu balancieren – zwischen Innovation und Tradition. Es gibt bereits einige Stimmen, die lautstark warnen: „Was funktioniert, braucht nicht viel Veränderung.“ Aber auch diese Stimmen haben ihre Wurzeln in der Realität, einer Realität, die oft pekuniär bedingt ist. Die Schaffner, die morgens um fünf Uhr zur Arbeit kommen, haben das Vertrauen in die bewährten Systeme. Sie sind die ersten, die Eisenbahninfrastruktur aufbauen und zugleich die letzten, die im Arbeitsmarktwettbewerb gegen die Automobilbranche bestehen müssen.
Der Tag vergeht, die Lastwagen fahren unerbittlich auf den Autobahnen, und die Gleise bleiben leer. Ein Familienunternehmen, das früher auf den Einzelwagenverkehr gesetzt hat, hat sich bereits ganz auf die Straße verlegt. „Schneller, flexibler, einfacher“ lautete ihre Antwort auf anhaltende Probleme. Während in der Zentrale in Frankfurt über Einsparpotentiale diskutiert wird, treibt es manch einen Unternehmer zur Verzweiflung.
„Wir haben ein Dilemma“, schließt Schmitt schließlich, während er auf die als ausgedient erachteten Frachtwaggons blickt, die wie vergessene Monumente entlang der Gleise stehen. Seine Worte hallen in der Luft nach. „Wir müssen lernen, weniger über die Zahlen zu reden und mehr über den Wert, den wir bieten können. Denn am Ende wird es über die Menschen und die Beziehungen gehen, die wir aufbauen – und nicht nur über die Güter, die wir transportieren.“
Diese Wechselwirkung zwischen Technik und Menschenherz, zwischen Tradition und Innovation, umschreibt den schmalen Grat, den die DB Cargo nun zu beschreiten beginnt. Der Einzelwagenverkehr ist kein einfacher Abschnitt ihrer komplexen Welt, sondern ein Ort voller Widersprüche und Möglichkeiten – und aus diesen scheinbaren Problemen könnten in Zukunft die besten Lösungen hervorgehen.