Als die Kickboxstunde an jenem Abend vorbei war, war ich vollkommen ausgepowert. Meine Lungen brannten, Schweiß tropfte von der Stirn, und doch lag ich gegen halb zwölf Uhr nachts wach in meinem Bett, die Muskeln angespannt, das Hirn unruhig – und der erhoffte Schlummer weit entfernt. Es war ein Paradoxon, das für viele nachvollziehbar ist: Dass wir durch Sport müde werden müssten, aber genau das Gegenteil passiert, wenn wir zu spät trainieren.
Die Logik scheint einfach: Wer sich körperlich verausgabt, findet danach endlich Ruhe. Schlaf ist ja im Grunde nichts anderes als eine körperliche und mentale Erschöpfung. Doch manch einer hat schon die Erfahrung gemacht, wie das intensive Training kurz vor dem Zubettgehen eher nervöse Energie freisetzt als müde macht. Ich selbst war eine Zeitlang regelmäßig zweimal in der Woche nach Feierabend beim Kickboxen. Eine Stunde, in der man buchstäblich um jeden Atemzug kämpft, bevor man sich endlich erschöpft und zufrieden unter die Dusche stellt. Aber anstatt dann friedlich einzuschlummern, lag ich nachts hellwach da und zählte unbarmherzig die Sekunden bis zum Morgengrauen.
Warum ist das so? Warum entpuppt sich etwas, das die meisten von uns als Quelle von Erschöpfung und Entspannung erwarten, genau dann als Störfaktor, wenn der Körper eigentlich müde sein sollte? Die Antwort liegt in der verzwickten Beziehung zwischen Sport und Schlaf, die weit komplexer ist als das einfache Diktum „Wer müde ist, schläft besser“.
Professor Kevin Morgan, Gründer der Clinical Sleep Research Unit an der Loughborough University, beschäftigt sich seit zwei Jahrzehnten eingehend mit dem Thema. Für ihn ist das Dilemma, das ich persönlich erlebt habe, kein Einzelfall. Im Gegenteil: Das Problem der schlechten Schlafqualität treffe besonders die Eliteathleten – jene Menschen, die wir für ihre körperliche Überperformance bewundern, denen wir aber ungern ein schlechtes Nachtleben zugestehen. „Athleten schlafen schlecht, die besten von ihnen schlafen am schlechtesten“, sagt Morgan. Muskelverspannungen, Nervosität, das Gefühl, ständig „angeschaltet“ zu sein – all das sind Symptome eines Körpers, der schonungslos gefordert wird, aber keine Ruhe findet.
Dass „wie gut“ und „wie viel“ man schläft, ist keine leicht zu beantwortende Frage, zeigt Morgan eindrucksvoll auf. Wie ein Musiker, der sein Instrument bis zur Erschöpfung oefnet, bis selbst der Klang in den Ohren vibriert, liegt die Herausforderung für Sportler darin, ein Gleichgewicht zu finden zwischen Training und Regeneration. Dabei seien nicht nur der Zeitpunkt, sondern vor allem die Intensität des Trainings entscheidende Faktoren.
Was bedeutet das nun für den normalen Menschen, der gelegentlich oder regelmäßig trainiert? Bietet sich danach nachts eine erholsame Pause an – oder ist es womöglich besser, sich früher von den Gewichten oder der Laufstrecke zu verabschieden? Morgan betont, dass es auf die Intensität und Regelmäßigkeit ankommt. Intensive Einheiten kurz vor dem Schlafengehen könnten durchaus den gegenteiligen Effekt haben: „Es ist nicht ungewöhnlich, dass gerade Menschen mit chronischer Schlaflosigkeit intensive Aktivitäten zu ihrer abendlichen Routine zählen“, erklärt der Professor. „Das Verhältnis zwischen Schlaf und Bewegung ist eben nicht linear. Man kann nicht einfach sagen: Mehr Training bedeutet automatisch besseren Schlaf.“
Zwei Jahrzehnte Forschung haben gezeigt, dass die bislang geltende Regel – drei Stunden Abstand zwischen Training und Schlaf seien optimal – differenzierter gesehen werden muss. Denn nicht jede körperliche Bewegung wirkt gleich stimulierend. Ein moderates Ausdauertraining oder Yoga spät am Abend lässt sich oft gut mit einem erholsamen Schlaf vereinbaren. Intensive Läufe oder schwere Trainingseinheiten sollten jedoch tatsächlich besser früher am Tag stattfinden. Wer vier-, fünf-, oder zehn Kilometer vor dem Zubettgehen laufen will, wird dem Körper kaum Zeit geben, sich herunterzufahren und zur Ruhe zu kommen.
Dieses Wissen bekommt in unserer Zeit, in der Gesundheit und Fitness zeitweise zu Glaubenssätzen erhoben werden, eine fast subversive Bedeutung. „Trainiere wie ein Eliteathlet“ ist ein Mantra, das gern in Trainingsplänen propagiert wird. Doch Morgan warnt eindringlich: Der Weg zu gutem Schlaf läuft nicht über extremes Training. Vielmehr ist ein ausgewogenes Maß gefragt, eine Balance zwischen Anspannung und Entspannung, Bewegung und Stillstand – fast wie im Leben selbst.
Zurück in meinem kleinen Schlafzimmer: Während ich damals also wach lag und die Decke anstarrte, hatte mein Körper längst entschieden, dass er gerade keine Ruhe wollte. Er war wach, bereit – vergiftet von der späten Intensität, die statt müde zu machen, zum Wachmacher wurde. Erst als ich meine Trainingszeiten korrigierte, erlebte ich wieder die allmähliche Erlösung des Einschlafens. Die Stunden, in denen der Geist zur Ruhe findet und der Körper sich regeneriert, sind kostbar, eine Nacht ohne Schlaf ein fragiles, zartes Kunstwerk, das nicht durch Willenskraft herzustellen, sondern durch Timing und Maß zu erreichen ist.
So ist die Beziehung zwischen Sport und Schlaf nicht nur eine körperliche, sondern auch eine erzählerische – ein Wechselspiel von Anspannung und Loslassen, das ganz leise, manchmal fast im Verborgenen, stattfindet. Das perfekte Timing dafür zu finden, ist vielleicht eine ebenso große Herausforderung wie das Training selbst.