In einer Zeit, in der sich das Kino immer lauter streckt und über Gebühr dehnt, um Aufmerksamkeit zu erhaschen, kommen dieser Tage auf Netflix Filme heraus, die sich ganz eigentümlich zurücknehmen. David Finchers „The Killer“ etwa, eine Adaption eines Graphic Novels, verhandelt in eindringlicher Ruhe die verführerische Todeskunst eines Auftragsmörders. Wer bei dem Titel allerdings auf rote Neonlichter und hektische Actionszenen hofft, erlebt eine Überraschung: Das Werk ist eher ein leises Zischen in der Dunkelheit, ein Film mit gerade einmal zwei kurz eingesetzten, dafür umso einschneidenderen Kampfsequenzen. Fincher spult nicht einfach seine eigenen Klassiker ab, sondern entfaltet einen kalten, ironischen Rapport, der an die coolen Procedurals seines Freundes Steven Soderbergh erinnert. Es ist ein Werk, das in seiner Knappheit fast eine unterschwellige Genialität entfaltet, scharf und präzise wie eine Messerklinge, die genau dann zuschlägt, wenn man es am wenigsten erwartet.
Wer nun meint, das sei eine Rückkehr zum Altbewährten, könnte sich irren. Denn Fincher zwingt auch das Old-Hollywood-Biopic „Mank“ in neue Bahnen, ohne dass das Schwarz-Weiß-Gewand zu einer bloßen Spielerei gerät. Das Bild ist cinephil und beinahe traumhaft, so sehr, dass die Geschichte um den exzentrischen Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz mehr von einem Déjà-vu anmutet denn von einer staubigen Reminiszenz. Man begegnet hier Hollywood in einer Zeit, in der es noch an den Grundfesten rüttelte, und erlebt eine Welt, die zugleich fremd und doch seltsam vertraut wirkt — wie eine längst vergessene Erinnerung in Mono.
Doch jenseits des großen Kinos schafft Netflix einen Raum für Filmemacher, die eine andere Sprache des Erzählens sprechen. Noah Baumbach, der melancholische Chronist enttäuschter Großstadtseelen aus New York, hat unter anderem mit „Marriage Story“ und „The Meyerowitz Stories (New and Selected)“ auf dieser Plattform seine späten Meisterwerke gefilmt. Baumbachs Figuren sind nicht laut, nicht explosionsartig dramatisch, sie sind zerrissen – von Ambitionen, verpassten Chancen und komplizierten Familienbande, die sich wie unsichtbare Fäden um das Herz legen. Besonders in „The Meyerowitz Stories“ offenbart sich ein mutiges Porträt menschlicher Imperfektion, das mit Adam Sandler, der hier nicht den Komiker, sondern den gebrochenen, liebenswerten Vater gibt, auftrumpft. Die Tragik des Alltäglichen wird zum heimlichen Helden; am Ende bleibt der bittersüße Nachgeschmack dessen, was bleibt, wenn alle Pläne scheitern und man doch miteinander lebt.
Und dann ist da noch „The Irishman“. Martin Scorseses ambitioniertes Mammutwerk, das Zuschauer mit seinen 210 Minuten schon beim ersten Anlauf erdrücken könnte, ist eine Reise durch die Zeit und das Herz der amerikanischen Mafia, die kein Sendungsbewusstsein zu haben scheint. Nicht als Serie aufgesplittert, nicht als Etüde, sondern als zähe, dunkel komische Meditation über Alter, Loyalität und Verrat. Robert De Niro in der Rolle des Frank Sheeran ist hier kein glanzvoller Gangster, sondern ein trauriger Mittelsmann, der in der Geschichte und im eigenen Leben immer mehr ins Nichts abzurutschen droht. Mit der digitalen Verjüngungstechnik entsteht eine verblüffende Illusion von Ewigkeit und Vergänglichkeit zugleich, und Scorsese führt uns vor Augen, wie sich Legenden nach und nach in Legendenstaub auflösen. „The Irishman“ ist kein Film über Gangster, sondern über das, was von ihnen bleibt, wenn der letzte Schuss verklungen ist: eine Leere, die genauso bedrückend wie faszinierend ist.
In all diesen Werken schwingt eine Haltung mit, die mehr fragt als erklärt, mehr andeutet als festlegt. Bei Fincher ist es die leise, mörderische Präzision, bei Baumbach die menschliche Zerbrechlichkeit zwischen schafen Verliebtheiten und bitterem Familienfürchten, bei Scorsese die melancholische Resignation einer Welt am Rande des Vergessens. Sie alle eint ein Streben nach Eingeschlossenheit – ein rigoroses, fast schon asketisches Bild vom Leben, das sich gegen die Inflation von Explosionen und Überwältigung stemmt. Vielleicht suchen sie genau deshalb ein Publikum, das verstanden hat, dass das wahre Drama nicht im Knall steckt, sondern im Flüstern danach.
Denn Kino, das wirklich hängen bleibt, erzählt von jenen Momenten, die unsichtbar sind und doch alles verändern. Wie das stille, beinahe unscheinbare Zischen eines Messers in der Dunkelheit.