Es sind diese ersten Momente eines Films, die uns gänzlich in ihren Bann ziehen, lange bevor die Geschichte ihren Lauf nimmt, lange bevor Dialoge und Handlung unser Urteil formen. Die Eröffnungsszenen sind mehr als ein Prolog: Sie sind eine Versprechen, ein Pakt zwischen Film und Zuschauer, eine Spannung, bei der jeder Atemzug zählt. Ganz besonders trifft das auf einige cineastische Meisterwerke zu, die mit nur wenigen Bildern, kaum einem Wort, ganze Welten eröffnen und wir uns augenblicklich verweben in das Schicksal ihrer Figuren – oder in den Staub furchtloser Helden.
Wer erinnert sich nicht an jene beinahe wortlose, dunkle Eröffnungssequenz von Paul Thomas Andersons „There Will Be Blood“? Zwanzig Minuten, fast ohne Sprache, in denen Daniel Day-Lewis als junger Daniel Plainview in einem staubigen Erdloch in New Mexico ums nackte Überleben ringt. Sein Sturz, der gebrochene Knochen, das mühsame Hochziehen auf Händen und Knien – es ist mehr als eine Szene, es ist eine Verkündung. Dieses Schweigen, das nicht Ruhe, sondern puren, fast schon willenlosen Kampf bedeutet. Quentin Tarantino bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, dass sich dieser Mann, so abgrundtief verschroben und egoistisch er auch sein mag, durch diesen Mut eine Art heroisches Recht verschafft, das sein Handeln spürbar legitimiert. Hier erfährt man in wenigen Bildern, dass Plainview bereit ist, alles zu tun – und allem zu trotzen –, um an die Spitze zu gelangen. Es ist ein stilles, brutales Bekenntnis zum Überleben, das mit der Gier nach Macht eng verwoben ist, eine Oper mit dunklen Tönen, aus der sich keine einfache Moral ableiten lässt.
Ein ganz anderes, doch ebenso elektrisierendes erstes Kapitel entfaltet sich in Tarantinos „Inglourious Basterds“. Die Kamera hält beinah zu lange auf die Mimik und die verhaltene Anspannung zweier Männer: der listige Nazi-Hauptmann Hans Landa, brillant gespielt von Christoph Waltz, und der einfache französische Bauer, verkörpert von Denis Ménochet. In diesem Raum unter Holzdielen – wo Juden im Verborgenen leben –, wird das Spiel mit Leben und Tod zu einer schaurig ironischen Konversation, die trotz ihrer Dramatik auch Raum für eine skurrile, fast sarkastische Melancholie lässt. Landa, dessen Mimik zwischen tödlicher Kälte und grotesk spielerischem Vergnügen changiert, bringt eine eigentümliche Spannung mit, die man kaum aus dem Blick verlieren kann, während der Bauer, fest im Griff der Angst, versucht, Menschlichkeit zu bewahren. Diese Begegnung ist eine Mikrouniversum des Krieges, eine Schachpartie der Grausamkeit, bei der das Schweigen genauso laut spricht wie die wenigen Worte. Hier wird nicht nur die Sinnlosigkeit von Gewalt spürbar, sondern auch die groteske Absurdität menschlicher Abgründe.
Und dann ist da die epische Eröffnung von Steven Spielbergs „Saving Private Ryan“, eine Szene, die der Filmgeschichte ihren Stempel aufgedrückt hat, die einen geradezu körperlich in den Krieg katapultiert. Das Blutbad auf Omaha Beach, die explodierenden Granaten, die Verzweiflung in den Augen der Soldaten – es ist weniger geschildertes Töten als ein mittendrin sein im tosenden Inferno. Viele Kriegsfilme zeigen die Schrecken des Krieges, aber selten hat es jemand geschafft, die rohe, brutale Realität so greifbar zu machen. Die Kamera wird zum Zeugen einer Hölle, in der jeder Moment Leben oder Tod bedeuten kann, in der selbst simple Bewegungen wie das Aufheben eines abgetrennten Arms von einem jungen Soldaten mit einer fast schon schmerzlichen Normalität stattfinden. Captain John H. Millers verzweifelter Versuch, seine Einheit zusammenzuhalten, wirkt dabei nicht heroisch-glorifizierend, sondern menschlich, verletzlich, erschöpft. Dieses Eröffnungsbild brennt sich tief ins Bewusstsein ein, nicht als großer Kriegsfilm-Mythos, sondern als intimes, schonungsloses Zeugnis menschlichen Überlebenskampfes.
Diese drei Beispieldekaden zeigen, wie unterschiedlich und zugleich eindringlich Eröffnungen inszeniert sein können: als fast wortloses Körperdrama, als psychologisches Duell auf kleinster Bühne oder als orkestrale Schlacht in Zeitlupe und inmitten des Chaos. Was sie eint, ist die Fähigkeit, uns instinktiv zu berühren, uns nahe an das Geschehen zu ziehen, ohne viel Erklärung, ohne einen einzigen Satz. Sie verlangen von uns nichts – außer dem Mut, einfach zuzusehen, den Atem anzuhalten, zu fühlen.
Vielleicht liegt darin auch ein wenig von der Faszination des Kinos: die Kraft der ersten zehn, fünfzehn, zwanzig Minuten, die uns in andere Zeiten und Welten katapultieren. Mancher Filmknall, der darauf folgt, wird dann womöglich der Aufgabe nicht gerecht, mancher Dialog verliert hinter der bedingungslosen Absicht der Kinomagie an Zauber. Doch diese langen Blicke auf den Anfang, sie bleiben haften. Sie sind die stillen Versprechen des Kinos, von denen wir längst wissen, dass wir ihnen nachgeben werden – weil sie die Geschichten noch vor dem ersten Wort erzählen und uns davon erzählen, dass große Geschichten oft ganz leise beginnen.