Tom Hanks: Der stille Spiegel des amerikanischen Alltags
Es gibt Schauspieler, bei denen weiß man sofort, woran man ist: Der Name Tom Hanks löst Bilder aus – von liebenswürdigen Waisen, die mit Spielzeug lebendig werden, bis hin zu unerbittlichen Kapitänen, die ihr Schiff gegen Piraten verteidigen. Doch zwischen den Großprojekten, jenen Filmen, die sein Gesicht und seine Stimme in Millionen Wohnzimmer tragen, liegen jene Perlen und Kuriositäten, in denen Hanks weniger ein Hollywoodstar, als vielmehr ein Mensch mit ganz bodenständigen Sorgen ist. Hier zeigt sich eine Facette, die viel zu selten gewürdigt wird: der Film-Mann, der den Kontrollverlust einer sich rasant verändernden Welt am eigenen Leib erfährt, ohne je zur plakativen Filmikone zu mutieren.
Ein guter Einstieg in diese schillernde Facette Hanks’ ist „A Hologram for the King“. Wer diesen Film nicht kennt, ist nicht allein. Wenig beachtet und oft übergangen, steht er für eine Art von Rolle, die Hanks ein besonderes Anliegen ist: den Durchschnittstypen, der in einer unsicheren Welt Halt sucht. Dort spielt er einen Verkäufer, der versucht, eine futuristische Konferenztechnologie in Saudi-Arabien an den Mann – genauer gesagt, die Regierung – zu bringen. Das Bild eines semi-isolierten, leicht verloren wirkenden Mannes, der mit Ehrlichkeit und einer Prise Verzweiflung gegen die eigene Bedeutungslosigkeit kämpft, ist das Gegenteil von Hollywood-Bluff und -Glamour. Hier kein strahlender Held, sondern ein Mensch, der auf dünnem Eis schlittert.
Man mag das für schlechtere Erzählkunst halten oder für verlorene Zeit, und im Lied der Kritik klingt bisweilen an, dass Hanks’ eigener Versuch, dieses Existenzthema in „Larry Crowne“ zu inszenieren, nicht nur ein Wunschtraum blieb, sondern filmisch gar nicht aufging. Dennoch spricht viel dafür, dass gerade diese unspektakulären, fast beiläufig eilenden Rollen das sind, was Hanks wirklich interessiert. Denn die Welt dreht sich, und nicht immer unter unseren Füßen fest wie ein gut gebautes Fundament. Ganz im Gegenteil: Manchmal ist sie ein schwankendes Boot, auf dem man versucht, nicht über Bord zu gehen. So wie sein Charakter in „A Hologram for the King“.
Überraschend? Vielleicht. Doch Hanks’ Karriere wäre ohne solche Zwischenstationen nicht das, was sie ist. Wer die 1980er Jahre betrachtet, sieht einen Schauspieler, der mit leichten Komödien und Fernsehserien begann, sich Stück für Stück ein Fundament als glaubwürdiger Darsteller schuf. Nicht selten sind es jene Filme, die im Rückblick als banale leichte Kost abgetan werden – „Splash“, „Big“ oder die skurrile „Dragnet“-Verfilmung mit ihrerm Jim-Gutmenschen-Humor. Doch gerade zwischen all diesem vermeintlichen Klamauke stehen Glanzlichter wie „The ‘Burbs“.
In dieser finsteren Nachbarschaftssatire schlüpft Hanks in die Rolle eines Mannes, der während eines „Staycations“ – einer Art Urlaub zu Hause – zunehmend von der bizarren Wirklichkeit seiner Vorstadtsiedlung gefesselt wird. Die neue Nachbarschaft scheint idyllisch, doch die Bewohner verdichten sich zu einer Gemeinschaft von merkwürdigen, bisweilen bedrohlichen Figuren. Ähnlich einem modernen Hitchcock schildert der Film, wie der geregelte Alltag eines Manns aus den Fugen gerät, und es entsteht eine subtile Beklemmung. Joe Dante, Regisseur des Werks, meistert den Spagat zwischen Komödie und Spannung, und Hanks wird zur amerikanischen Antwort auf Jimmy Stewart – nicht als strahlender Held, sondern als jeder Mann, der sich zwischen Absurditäten und eigenen Dämonen wiederfindet.
Die Kunst, alltägliche Unsicherheiten einzufangen, findet sich auch in „Road to Perdition“ von 2002 wieder – einem Film, den man auf den ersten Blick kaum mit Hanks’ typischem Image verbindet. Hier ist er kein unerschütterlicher Optimist, sondern ein Mann, der die Abgründe seiner Zeit und seines eigenen Lebens auslotet. Das Drama um Familienbande, Verrat und Rache funktioniert gerade wegen der feinen Nuancen, die Hanks einbringt: Er ist Vater, Beschützer, aber auch gebrochener Mensch. Es ist die stille Melancholie hinter den großen Gesten, die den Film atmosphärisch so dicht macht.
Man kann sich leicht vorstellen, wie dieser Facettenreichtum Hanks selbst reizt. Er hat mehrfach bewiesen, dass er nicht nur das Gesicht großer Epen und Feel-Good-Geschichten sein will, sondern auch der stille Beobachter, der in Widersprüchen steckt – ein Charakter, der das amerikanische Lebensgefühl vielschichtig reflektiert: mal aufrecht, mal zerbrechlich, in den besten Momenten witzig und menschlich. Diese Fähigkeit macht ihn einzigartig in einer Branche, die oft allzu sehr auf reine Heldenpreise achtet und den grau gewordenen Alltag lieber ignoriert.
Es bleibt die Frage, warum gerade die weniger beachteten Werke wie „A Hologram for the King“ so wichtig sind in einem Universum, das von Blockbustern, Awards und Medienspektakeln dominiert wird. Vielleicht, weil diese Filme jene Geschichten erzählen, die wirklich unsere verwundbare Zeit widerspiegeln: Menschen, die auf verlorenem Posten stehen, denen die Welt hilflos, seltsam und unbegreiflich vorkommt. Rollen, die auf den ersten Blick unspektakulär erscheinen, aber beim genaueren Hinsehen von einer tiefen Wahrheit getragen werden.
Tom Hanks gibt diesen Figuren Gesicht und Stimme – und verkörpert damit eine Sehnsucht nach Normalität und Vertrautheit, die heute selten so gelungen eingefangen wird. Seine Karriere ist deshalb nicht nur ein Lehrstück über Hollywood, sondern auch über die kleinen Katastrophen des Lebens, die jeder kennt, der älter wird und sich fragt, wie lange das wackelige Gleichgewicht noch halten wird. „A Hologram for the King“ ist kein Meisterwerk, aber einer jener kleinen Filme, die man mit einem leisen, nachdenklichen Lächeln verlässt – und die einem manchmal näherkommen als so manches große Drama. So bleibt Tom Hanks auch jenseits der großen Leinwand ein stiller Spiegel jener Sehnsüchte, die das echte Leben schreibt.