Im Herbst 1968, irgendwo in einem unscheinbaren Haus auf dem Land bei Pittsburgh, geschah etwas, das wenig später die Horrorwelt für immer verändern sollte. Ein schwarz-weißes Filmchen mit dem Titel Night of the Living Dead rollte von einem 16mm-Projektor, hochgeladen auch in die flimmernden Köpfe einer Generation, die zwischen Bürgerrechtsbewegung, Vietnam-Krieg und gesellschaftlichem Umbruch schwebte. Was sich zunächst als schlichtes Horrorkino entpuppte, entwickelte sich zum sprichwörtlichen Urknall des Zombie-Genres – und darüber hinaus zu einer Art subversiver Sozialkritik, die bis heute nachhallt.
George A. Romero und sein kleines Kollektiv aus Pittsburgh, ein Haufen kreativer Menschen, die bislang eher unauffällige Fernseharbeiten leisteten – etwa für das kinderfreundliche und friedfertige Mr. Rogers’ Neighborhood –, legten mit ihrem Erstlingswerk eine Handvoll kaum bestreitbarer Einflüsse zusammen, die sie auf unkonventionelle Weise in ein pulsierendes Gesamtkunstwerk verwoben. Die Entscheidung, in Schwarz-Weiß zu drehen, folgte einer fast schon demokratischen Ästhetik: Das Medium sollte so aussehen wie die Nachrichten, in deren Bildsprache Gesellschaft und Angst dieser Zeit eingefangen waren.
Doch das Herz dieses Films schlug nicht einfach nur im Rhythmus einer Handvoll erschreckender Untoter. Sein Ur-Antrieb war die Idee einer Revolution – jedoch nicht einer heroischen, sondern einer brutalen, zerfetzenden. Romero und sein Team wollten die Spannung zwischen Altem und Neuem, zwischen Macht und Unterdrückung sichtbar machen. Die Zombies – kannibalistische Untote, die in ihrem grotesken Hunger eine Apokalypse verkörpern – wurden zum Spiegel finsterer realer Kräfte, die versuchten, Veränderungen niederzuschlagen.
In der literarischen DNA dieses Films schlummert vor allem Richard Matheson. Sein 1954 erschienener Roman I Am Legend, von Science Fiction-Ikonen und Horror-Visionären gleichermaßen geschätzt, war für Romero ein Maßstab. Matheson hatte Vampir-Klischees mit psychologischem Realismus durchdrungen und die Geschichte so gedreht, dass der vermeintliche Held am Ende selbst zum Monster wurde – ein Konzept, das tief in Night of the Living Dead nachklingt. Romero zerlegte und rekonstruierte diese Muster, bis daraus eine narrative Maschinerie entstand, die ebenso viel von gesellschaftlicher Angst wie von popkultureller Faszination erzählt.
Bewegte Bilder, das tat schon der Vorgänger The Last Man on Earth (die erste Verfilmung von Mathesons Roman mit Vincent Price), zeigen angedeutet, was stolze Frankenstein-Mütter des Zombies sein sollten. Doch der Funke, der mit Romero sprang, war eine Synthese aus Beißerei, Kannibalismus, kleinem Ensemble, Isolation auf einer Farm, Panik und dem dichten, bedrückenden Alltagsgefühl, eingehüllt in Radio- und Fernsehnachrichten. Vieles, was heute als Grundsubstanz des Zombie-Mythos gilt, fand in Night seine prägende Form.
Besonders mutig war eine andere Entscheidung: die Besetzung der Hauptrolle mit Duane Jones, einem afroamerikanischen Theaterdarsteller, der den Charakter Ben verkörperte. 1968 war das keine Selbstverständlichkeit, eher eine geradezu subversive Geste. Romero hat später eingeräumt, dass er es bedauerte, das Drehbuch nicht an diese Realität angepasst zu haben. Der Entschluss war damals vielleicht hippiehaft naiv-radikal, doch er verlieh dem Film eine politische Dringlichkeit, die mehr einschlug, als sie es sich vorstellen konnten. Ben ist derjenige, der inmitten des Schreckens auf seinen Instinkt hört—und gerade das macht sein Überleben doppelt bitter: Denn die weißen Polizisten, die am Ende über ihn richten, sehen ihn trotz allem weniger als menschliches Wesen.
Die finale Schnittfassung des Films entstand in einem Moment von historischer Bedeutung: Während Kopien für die New Yorker Premiere vorbereitet wurden, meldete das Radio die Ermordung von Martin Luther King Jr. Es war ein tragischer, düsterer Kontrast, der sich wie ein unsichtbarer Schatten über den Film legte, der selbst eine bittere Metapher für Amerika zwischen Hoffnung und Unterdrückung war.
Night of the Living Dead ist weitaus mehr als nur ein Horrorfilm – es ist eine Studie der Angst, der Gewalt und des anderen Blicks. Ein Archiv der Paranoia und des Misstrauens. Und oft genug ist der wahre Schrecken nicht das Monster, das aus dem Grab steigt, sondern die Gesellschaft, die den Unterschied zwischen Mensch und Nicht-Mensch definiert. Ein schwarzer und weißer Albtraum, der auch heute noch nachhallt – so frisch, dass man fast glauben könnte, er sei erst gestern entstanden.