Es gibt Momente, in denen die Welt der Popkultur auf unverhoffte Weise aufeinanderprallt – und dann plötzlich wieder auseinanderdriftet, wie das Auseinanderziehen eines Gummibands, bis der Schnapp – oder eben die Enttäuschung – einsetzt. Als vor kurzem ein Interview mit Matt Shakman, dem Regisseur von „First Steps“, die Gerüchteküche brodeln ließ, dass Reed Richards als Anführer des Marvel Cinematic Universe (MCU) die Avengers anführen könnte, war die Aufregung groß. Doch so schnell, wie die Meldung kam, wurde sie von Pedro Pascal, einem der potenziellen Gesichter des genialen Wissenschaftlers, mit einem höflichen, aber bestimmten „Nicht so schnell“ entschärft. Es ist eine Szene, die ein bisschen an die gute alte Murmelspielerei erinnert – alle kreisen um die wichtigste Murmel, und plötzlich sagt jemand: „Diese gehört doch mir nicht.“
Reed Richards, der brillante Kopf der Fantastischen Vier, wird also nicht der neue Captain America des MCU – nicht in „Doomsday“, nicht in „Secret Wars“. Das darf man bedauern, denn die Rolle, die Reed in den Comics und im Marvel-Universum einnimmt, ist nicht nur die eines Nerds, der mit Formeln jongliert. Er ist der Familienmensch, der seine Frau und Kinder mit einer fast rührenden Obsession schützt, der Wissenschaftler, der stets über sich hinauswächst und irgendwann tatsächlich zum strategischen Hirn der Avengers avanciert. Shakman beschreibt ihn als jemand, der von der „nerdigen Einsiedlerfigur“ zum Anführer einer der größten Superheldenallianzen aufsteigt – aber eben im Comic, nicht im Kino.
Dieses Spannungsfeld zwischen Comicvorlage und Filmadaption zieht sich wie ein leiser Ton durch die ganze Marvel-Welt. Es ist die Frage nach Anpassung und Interpretation, nach dem Respekt vor dem Original und dem Mut zur Neuerfindung. Und eben auch die Erinnerung daran, dass das Kino seine eigenen Regeln schreibt – nicht unbedingt nach den Buchseiten des Graphic Novels.
Und dann gibt es da noch Franklin Richards. Wer? Nun ja, er ist nicht irgendein kleiner Junge in der Ecke der Fantastischen Vier. Franklin ist ein Mutant besonderer Art – und mit „besonderer Art“ meine ich, dass seine Macht die kühnsten Vorstellungen sprengt. In den Comics gilt er als ein Omega-Level-Mutant, vielleicht sogar jenseits dessen, was wir uns als normale Superkraft vorstellen können. Die Fähigkeit, Realität zu formen, Universen zu verändern – das sind keine Kleinigkeiten. Ein Junge mit Vollmachten, die selbst Galactus, den kosmischen Zerstörer, in den Schatten stellen. Die Bilder, die dazu kursieren – sein zukünftiges Ich, das Galactus als seinen Herold bezeichnet – sind kaum zu fassen. Die MCU-Version erbt zumindest die Kraft des „Power Cosmic“, eine Art kosmische Energie, die nicht nur für die Machtspiele des Universums steht, sondern auch ein Einfallstor für Bösewichte, vor allem Doktor Doom, sein könnte.
Diese Verkörperung von grenzenloser Fähigkeit in einem kleinen Kind wirft Fragen auf: Wie erzählt man eine Geschichte über Macht, die so umfassend ist, dass sie das Gefüge des Universums neu erschaffen könnte? Wie bewahrt man dabei den Zauber und die Menschlichkeit? Die Antworten sind offen – und vielleicht gerade das macht die kommende Phase des MCU so spannend.
Wenn das MCU Momentaufnahmen des Fortschritts liefert, dann ist das Thema „Blade“ ein Paradebeispiel für den nur scheinbar endlosen Tanz zwischen Ankündigung und Wirklichkeit. Seit 2019 geistert der Plan einer „Blade“-Neuauflage durch die Marvel-Welt, mit Mahershala Ali in der Rolle des Vampirjägers, die einst Wesley Snipes weltberühmt machte. Doch seit der Ankündigung ist die Produktion ein Labyrinth aus gescheiterten Regisseuren, zahlreichen Drehbuchversionen und Terminverschiebungen. Kevin Feige, das Studio-Oberhaupt, gibt offen zu, dass „Blade“ in vier unterschiedlichen Varianten durchgegangen ist, zwei davon sogar als Period Pieces, was ziemlich interessant gewesen wäre. Am Ende sind sie zu dem Schluss gekommen, dass das Vampirjäger-Abenteuer tatsächlich in der Jetztzeit spielen muss – ein bisschen, als wolle man einem alten Klassiker neuen Atem einhauchen, ohne sich zu sehr in der Nostalgie zu verlieren.
Feiges Kommentar über das Kostüm – „Wir wollten ihm nicht einfach ein Lederoutfit anziehen und ihn Vampire töten lassen“ – entlockt einem ein kurzes Schmunzeln. Denn genau das ist ja die Essenz von Blade, nicht wahr? Dabei verrät die Bemerkung etwas über die Komplexität des Umgangs mit Ikonen und Genre-Klischees in einem Universum, das stetig wachsen will, ohne seine Seele zu verlieren. Vielleicht sitzt da irgendwo die Frage: Wie erzählt man eine Geschichte über Dunkelheit und Licht, über Monster und Menschen, ohne in die simplen Muster zu verfallen?
Und dann ist da noch Peter Parker, der Junge aus der Nachbarschaft, der mit seinem schmalen Budget und der Last großer Verantwortung kämpft – ganz im Stil der klassischen Comics. „Spider-Man: Brand New Day“ wird sich ganz darauf konzentrieren, wie Peter versucht, nicht nur New York, sondern auch sein Leben im Griff zu behalten – ohne die Hightech-Anzüge und Big-Budget-Katastrophen. Regisseur Destin Daniel Cretton scheint es ernst zu meinen mit diesem „Down-to-Earth“-Ansatz. Statt Welten zu retten, wird Spider-Man sich mit Straßenkriminalität auseinandersetzen – der alltägliche Kampf, der oft am wenigsten spektakulär wirkt, aber der die Figur so nahbar macht.
Und natürlich kommt da der Punisher ins Spiel. Das Gerücht, dass Frank Castle in diesem Film auftauchen könnte, lässt einiges erwarten: eine dunkle Nuance, die Spider-Mans Welt ein bisschen gefährlicher und härter macht. Vielleicht wird sich dieses Zusammenspiel aus Hoffnung und Härte, Licht und Schatten als die eigentliche Herausforderung entpuppen – für den Helden und für das MCU selbst.
Es ist diese Spannung zwischen Superheldenepos und menschlichen Geschichten, zwischen grenzenloser Fantasie und der realen Welt, die Marvel immer wieder reizvoll macht. Geschichten, die von Familie, Verantwortung und Macht erzählen, während sie gleichzeitig genug Raum für das Wunderbare lassen. Die große Erzählung ist noch jung, und so viele Fäden sind gespannt, dass es fast aufregender scheint, was nicht gezeigt wird, als das, was auf der Leinwand explodiert.
So sitzen wir also weiter in unseren Kinosesseln oder beim Scrollen auf dem Sofa, während sich hinter den Kulissen ein gewaltiges Puzzle zusammensetzt, dessen Teile sich im richtigen Moment zusammenfügen werden. Ganz gleich, ob es nun Reed Richards als Anführer der Avengers ist oder ein kleines, unscheinbares Kind mit kosmischen Kräften – das Marvel-Universum bleibt ein Ort der Sehnsucht und des Staunens, ein Filmepos in stetem Wandel. Und vielleicht ist das auch das Schönste daran: Dieses ewige In-der-Warteschleife-Sein auf das nächste große, fantastische Abenteuer.