Es ist ein kühler Oktobermorgen auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld. Eine junge Frau mit einem prall gefüllten Rucksack schlendert zielstrebig Richtung Gate. Ihr Ziel: Porto. Achtzig Euro für den Flug, mit Ryanair, natürlich. „Ich wollte einfach mal raus, ein bisschen Europa fühlen, nicht nur das übliche Touristengetümmel in Paris oder Rom“, sagt sie, während sie mit halb vertraulichem Lächeln ihre Bordkarte checkt. Ein Groschenromanmoment, vielleicht, der die neue Freiheit einer Generation einfängt, die Europa nicht mehr als eine ferne Landkarte, sondern als vernetzte Nachbarschaftsstraße begreift.
Hopscotching – Hüpfen von einem europäischen Land zum anderen – ist noch nie so billig und leicht gewesen. Billigflieger wie Ryanair, Wizz Air und easyJet machen es möglich. Die Kontinente scheinen geschrumpft, Grenzen verlieren an Bedeutung, Euro-Parksplätze werden zu Knotenpunkten einer seltsam verspielten Mobilität. Man bestellt sich nicht mehr nur einen Kaffee im Café auf der Straßenecke, sondern kauft Flüge ab fünfzig Euro, die einen drei Wochen später, sonntags um 18 Uhr in eine völlig andere Zeitzone katapultieren.
Die Preise sind radikal demokratisch, und das hat Folgen. Manch einer mag darin das Ende des großen Reisens sehen, das Slow Travel der Philosophen und Sanftmütigen. Stattdessen wacht eine Generation auf, die ihren Drang nach Abenteuer nicht mehr in einem langgezogenen Roadmovie durch Europa befriedigt, sondern in kurzen, komprimierten Stories auf Instagram. Kurze Sprünge von A nach B, statt tiefer Verortung. „Fliegen wird zum neuen Spazierengehen“, schreibt eine Berliner Bloggerin – und trifft es damit auf den Punkt.
Das Bild, das man von Europa hat, ist ein Remix aus gefühlt tausend Kurzurlauben. Die 28-Jährige aus Berlin, die nächsten Monat nach Lissabon will und dann über Madrid nach Marrakesch weiterträumt. Oder der Start-up-Gründer aus Budapest, der sich zur Weihnachtszeit schnell noch nach Mailand trollt, um „die neuesten Modetrends zu checken“. Die Welt wird so schrumpf, weil die Airlines sie schrumpfen lassen. Mit ihnen die persönliche Distanz, ja, fast die Zeit. Das Fliegen hat sich verwandelt: weg vom Luxus, hin zur Selbstverständlichkeit.
Aber bei allem Pragmatismus, bei aller Euphorie, irgendwo nagt eine leise Melancholie. Sie steckt in der Ironie, dass, wo die Flugzeuge wie Fliegen über den Kontinent schwirren und Plätze rapide verfügbar sind, genau hier die Tiefe der Erfahrungen leidet. Hat man die Orte je wirklich besucht, wenn man sie in Tagesausflügen abfräst? Macht das Dauer-Hopscotching aus Städtereisen eher eine fassadenhafte Aneinanderreihung von Sehenswürdigkeiten und Instagram-Posen? Im Café in Porto wird die junge Frau wohl kaum erfahren, wie der Regen Portugal prägt oder wie der Stadtteil Ribeira lebt, wenn sie am nächsten Morgen schon in der Luft nach Amsterdam hängt.
Es erinnert an die vielleicht schönste Ironie der Billigfliegerei: Sie führt uns zwar in eine bunte Palette europäischer Kultur, doch oft behalten wir nur den Geschmack von Kurz und flüchtig. Ein bisschen Fernweh zwischendurch, gepaart mit der Gewissheit, nächsten Monat geht es wieder raus. Die Kontinente schrumpfen – und mit ihnen wachsen zugleich die Sehnsucht und die Versuchung, das Fremde als Nahes zu konsumieren, um es im nächsten Augenblick schon wieder abzuhaken.
Vielleicht wird soffte Kultur, die Langsamkeit des Reisens, in einer Ära des günstigen Hüpfen einfach eine verlorene Kunst sein. Oder vielleicht ist es genau diese Dynamik, die den Kontinent so lebendig macht, seine Bewohner in Bewegung hält und die Grenzen endgültig unsichtbar. Wer weiß? Heute jedenfalls, während die Lufthansa-Passagiere noch in ihren Business-Class-Sesseln verweilen, sammeln Ryanair- und Wizz-Air-Fluggäste ihre Geschichten, kurz und grell wie Blitzlichter. Europa, so nah wie nie, und doch so fern – so billig und endlos flüchtig.