Es ist eine dunkle Zeit, in der wir leben. Jenseits der Tagesnachrichten, die uns mit täglich neuen Krisen bombardieren, klebt in der Luft dieser unausgesprochene Verdacht: Was, wenn alles noch viel schlimmer kommt? Inmitten dieses Bedrohungsgefühls betritt Kathryn Bigelow die Leinwand zurück – mit einem Film, der kaum geduldiger sein könnte, als der Moment, in dem er erscheint. A House of Dynamite heißt das neue Werk der Regisseurin, das im Oktober auf Netflix startet, pünktlich zum Schwelen der Oscar-Saison.
Schon die nackte Logline gibt vor, den Pulsschlag unserer Zeit einzufangen: Ein einzelner, nicht attribuierter Raketenabschuss auf die Vereinigten Staaten entfacht eine fieberhafte Suche nach Verantwortlichen – und nach einer Antwort. Die Welt steht kurz vor dem Kollaps, zwei Atompilzsekunden entfernt von einem Ende, das auch eine Kathryn Bigelow inszenieren würde. Ein Film, der wohl ähnliche Spannungslinien zieht wie Klassiker des Kalten Krieges, etwa Sidney Lumets „Fail-Safe“ von 1964, in dem ein Fehler beinahe einen nuklearen Schlagabtausch zwischen Supermächten auslöst.
Warum gerade jetzt? Bigelows Werk entstammt der Erfahrung, mit politischen Extremsituationen umzugehen, die fast obsessiv unser kollektives Bewusstsein durchziehen. Sie war pandemisch präsent mit „The Hurt Locker“, der beklemmenden Doku-Fiktion eines Bombenentschärfers im Irak und wurde für Zero Dark Thirty gefeiert, das Jagdspiel rund um die Tötung Osama Bin Ladens – Zeiten, die teilweise gar nicht so weit entfernt scheinen. Nun, nach acht Jahren – ein kleines Film-Echo der Langsamkeit in einer beschleunigten Welt –, legt sie ein neues Meisterstück vor.
Das Drehbuch stammt von Noah Oppenheim, dessen Feder schon „Zero Day“ mit einem fiktionalen Cyberangriff auf das Weiße Haus eine ähnliche Nervosität erzeugte. Seine Erfahrung, wenn höchste politische Ämter unter existenziellen Bedrohungen ächzen, verspricht eine Vertrautheit, die auf die ebenso satten wie feinen Abgründe staatlicher Entscheidungen gerade in Krisen zeigt. Hier geht es nicht um Hollywood-Mythos, sondern um die subtile, tödliche Choreografie, die hinter jeder Nachrichtensendung lauert.
Das Ensemble liest sich wie eine zweite Regierungskabinettsliste: Idris Elba, Rebecca Ferguson, Jared Harris, Anthony Ramos, Kaitlyn Dever und viele andere, die allesamt viel Raum haben, eine Welt zu spiegeln, deren Instabilität uns alle betrifft – ob wir wollen oder nicht. Ob Elba den amerikanischen Präsidenten spielt oder doch jemand anderen, bleibt offen, doch die Besetzung strahlt das aus, was Bigelows Filme seit jeher ausmacht: Authentizität im Chaos, lebendige Menschen in einer vermeintlich nicht mehr kontrollierbaren Katastrophe.
Und so liegt es nahe, sich im Oktober einen Abend zu reservieren, wenn A House of Dynamite auf Netflix einschlägt. Ein Film, der vielleicht weniger eine Prognose ist als ein Spiegel dessen, wie nah wir derzeit dem Abgrund tanzen. Das Kino als Brennglas, das politische Unsicherheiten und ganz reale Ängste verschärft, aber auch die menschlichen Fehler, Hoffnungen und Pannen zeigt, die eine Welt am Rande des Krieges prägen.
Wenn der anfängliche Raketenstart, diese eine Explosion am Horizont, uns erschaudern lässt, ist das nicht bloß Fiktion. Es ist eine Einladung, unsere Gegenwart mit wachen Augen zu betrachten – und vielleicht auch ein kleiner, unaufdringlicher Weckruf inmitten des ohrenbetäubenden Lärms der Nachrichten: Wie nah sind wir wirklich daran, alles zu verlieren? Bigelow gibt darauf keine einfachen Antworten. Vielmehr lädt sie dazu ein, den zerbrechlichen Fluss der Zeit zu sehen, in dem wir uns befinden, begleitet von einer Spannung, die in dieser Geschwindigkeit beinahe aushaltbar bleibt – zumindest bis der Abspann läuft.