Tanzen ohne Tropfen
In einem schummrig erleuchteten Club in Berlin-Mitte pulsiert der DJ-Beat so unverfälscht durch die Menge, dass man kaum glauben mag, hier trinkt niemand Alkohol. Keiner der Menschen auf der Tanzfläche hält ein Bier, keinen Drink, der die Zunge benebelt oder das Lächeln lähmt. Stattdessen werden Wassergläser, Brausen oder Pen&Paper-Rollenspiele mit trockenen Toasts in Händen gehalten. „Sobriety isn’t for wallflowers anymore“, liest man in einem englischen Magazin, und plötzlich wird klar: Nüchtern sein ist nicht mehr das traurige Schicksal der Außenseiter. Es ist eine neue Form des Feierns, die das Nachtleben neu erfindet.
Wer sich heute aus der Flut der Happy-Hour-Promos und After-Work-Partys löst, begegnet einer Gesellschaft, die den Alkoholkonsum hinterfragt hat, ohne in asketische Tristesse abzudriften. Die Partygänger von heute wollen dabei sein, wollen tanzen, lachen und flirten – nur eben ohne das Glas in der Hand, das zu oft zum mutmaßlichen Mutmacher und Stimmungsbooster geworden ist. So ironisch das klingen mag: In einer Welt, die sich oft in der Kompetenz zum Kontrollverlust zu messen scheint, finden heute viele Menschen in der bewussten Enthaltsamkeit eine überraschende Freiheit.
Sophie, 28, erzählt mir von ihrer eigenen Entdeckung: „Früher dachte ich, ohne Alkohol ins Wochenende zu starten, wäre wie ein Film ohne Soundtrack – fad und ohne Emotion. Aber dann habe ich gemerkt, dass ich wirklich sehen kann, was um mich herum passiert. Wie sich Menschen bewegen, wie sie wirklich sind – und wie ich mich selbst bewege, ohne dieses Rausch-Ich, das mir so oft fremd war.“ Sophie war immer die gute Freundin, die nur „eine Runde einspringt“, den letzten Drink ausgibt und dann nach Hause fährt. Jetzt übernimmt sie die Rolle der unerschütterlichen Zwischentöne: Sie ist Teil der Szene – nur eben klar.
Diese Nüchternheit ist eine Gegenbewegung, aber keine Pose. Die neuen nüchternen Nächte gestalten sich vielfältig: Von Silent Discos, in denen jeder mit Kopfhörern seine eigene Musik wählt, bis hin zu alkoholfreien Cocktailbars, die mit holunderblühener Perfektion und exotischer Bitterkeit so manche Stammkneipe alt aussehen lassen. Es ist eine Szene, die bunter, bewusster und manchmal fast ein wenig rebellisch wirkt. Sie widersetzt sich dem gewohnten Rausch, ohne altbacken zu sein.
Zu beobachten ist dabei auch eine Welle der Selbstreflexion – nicht nur bezüglich Alkohol, sondern über das Feiern und das Verbindung-Erleben an sich. Vielleicht ist es diese Achtsamkeit, die den nüchternen Mottopartys jene fast schon melancholische Schönheit verleiht. Denn wer nüchtern bleibt, spürt nicht nur den eigenen Herzschlag lauter. Er hört auch den Raum, die anderen und sich selbst intensiver – auf eine Art, die im Rausch sonst verloren geht.
Und natürlich, wie bei jedem sozialen Wandel, gibt es die skeptischen Stimmen – die sagen, dass Feiern ohne Alkohol wie Tanzen ohne Musik sei: Möchte man das überhaupt? Aber während die Skeptiker noch fragen, beweisen die nüchternen Nächte, dass die Antwort nicht in der Abwesenheit liegt, sondern in der Präsenz. In der uneingeschränkten Präsenz.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft: In einer Welt, die sich oft in ihren Grenzen verliert, suchen viele inzwischen das Gegenteil – den Raum, frei zu sein, ganz bei sich, ganz wach. Und es scheint, als feiere man das heute ganz ohne den alten Fluss aus Hopfen und Malz – mit klaren Augen, offener Seele und einem Puls, der nicht vom Alkohol, sondern vom echten Leben stammt.