Thyssenkrupp: Ein Stahlkonzern mit roten Augen und kalten Zahlen
In der Kälte eines nassen Maimorgens zieht der Wind über die weiten Hallen des Thyssenkrupp-Werkes in Duisburg. Das Geräusch schmelzender Metalle vermischt sich mit dem knirschenden Schritt von Arbeitern, die zur Frühschicht antreten. Manchmal, so scheint es, hängt eine Art Melancholie in der Luft, eine Vorahnung von Veränderung. Doch an diesem Tag ist die Stimmung gereizt. Der Vorstand hat eine Entscheidung getroffen, die Wellen schlagen wird: mehr als 11.000 Arbeitsplätze sollen wegfallen, im Durchschnitt wird der Lohn um acht Prozent gekürzt.
Ein kaltes Licht fällt auf die Gesichter der Männer und Frauen, die am Umkleidegang stehen. Sie flüstern, diskutieren, versuchen, sich einen Reim auf das Chaos zu machen, das sich um sie herum entfaltet. Für viele ist das hier nicht nur ein Job, sondern das Herzstück ihrer Existenz. „Wir arbeiten hier seit Jahren, manchmal Jahrzehnten“, sagt Stefan, ein Schichtführer im Hafen. „Und jetzt sollen wir einfach mit einem Zettel nach Hause geschickt werden?“
Im Konferenzraum der Konzernzentrale in Bochum sitzt der Vorstand und beobachtet die politische Landschaft, besonders das Streben der IG Metall, die Interessen ihrer Mitglieder zu verteidigen. Zwischen den Anwesenden liegen gut vorbereitete Präsentationen, doch die aktuellen Zahlen kommen nicht gut an. „Aber was bleibt uns denn anderes übrig?“, raunt einer der Direktoren, als ein frohes Licht über den Verlust der Arbeitsplätze im internen Meeting ausgesprengt wird. „Der Markt diktiert uns die Bedingungen.“
Die Einigung auf einen Sanierungstarifvertrag könnte als Fluchtweg gelten. „Das ist ein pragmatischer Schritt, um den Laden über Wasser zu halten“, bemerkt ein Branchenkenner, während er seinen kühlen Kaffee trinkt. „Thyssenkrupp muss seine Verschuldung reduzieren – und das sollte jedem klar sein.“ Aber sofort meldet sich der innere Kritiker zu Wort: „Doch was passiert mit den Menschen?“
Draußen auf dem Werksgelände schwenkt ein Kran seine langen Arme über das Gelände. Die Arbeiter in den roten Overalls haben den Sturz des Unternehmens und seiner Kultur über die Jahre gut beobachten können. „Es ist, als würden die Stahlträger über unsere Köpfe stürzen, während wir hier stehen und zusehen“, sagt Johanna, die vor kurzem ihre Ausbildung zur Facharbeiterin abgeschlossen hat. Ihr Gesicht ist von der Anspannung gezeichnet; ihr Job, nach dem sie lange gestrampelt hat, ist nun gefährdet.
Der Abenddruck ist ein fester Begleiter der Belegschaft. Lange Gespräche in der Kantine, in denen der Duft von frisch zubereitetem Essen und der bittere Nachgeschmack von Unsicherheit zusammenkommen. Hier fallen Worte wie „Konzernumbau“ und „Resilienz“—Phrasen, die in der Führungsetage gerne verwendet werden. Doch was bedeuten sie für die Männer und Frauen, die am Freitag ihren Lohn in den Händen halten möchten? Sie schauen in die Gesichter ihrer Kollegen, die gleiche Unsicherheit und Sorgen widerspiegeln, und versuchen, sich Mut zuzusprechen.
Im Umkleideraum nach der Schicht gibt es zunehmend weniger Lachen zu vernehmen. Die Sorgen um die Zukunft stehen wie geformte Schatten zwischen den Regalen für persönliche Gegenstände. „Ich kann nicht glauben, dass wir in dieser Situation gelandet sind“, murmelt Klaus, ein langjähriger Stahlwerker. „Das ist nicht der Thyssenkrupp, für den ich jahrelang gefahren bin.“
Das Unternehmen befindet sich in einem Spannungsfeld aus globalen Erwartungen und lokalen Realitäten. „Die Automatisierung ist unser Feind und zugleich unser Freund“, sagt der Berater, der dem Vorstand eine neue Strategie empfiehlt. „Wir müssen innovativ sein, umweiterhin zu bestehen. Aber wie setzen wir das um, ohne Insourcing vor der eigenen Tür zu betreiben?“
Das Werk ist vollgestopft mit riesigen Maschinen, die unablässig Metalle verarbeiten. Doch die Leidenschaft, die einst den Stahl zum Glühen brachte, scheint nachzulassen. Die Entscheidung des Vorstands, die Gehälter um acht Prozent zu kürzen, wird als schmerzhafter Kompromiss empfunden. „Kein Mensch, der hier arbeitet, möchte Lohnverzicht, aber wir haben auch keine Wahl“, murmelt eine Mitarbeiterin, während sie im Gehen einen Hochofen passierte.
Die Verhandlungen mit der IG Metall sind tückisch. Die Gewerkschaft hat klare Vorstellungen, aber es gibt auch andere Strömungen, die den Konzern zwingen, sich neu auszurichten und dem Druck auf dem Weltmarkt gerecht zu werden. Die Deutsche Wirtschaft stöhnt unter der Last steigender Energiekosten und sinkender Aufträge.
„Die Herausforderung ist, wie wir den sozialen Frieden in der Belegschaft aufrechterhalten“, erklärt ein Gewerkschaftsvertreter im Nachgang der Verhandlungen, der nicht namentlich genannt werden möchte. „Wir müssen unsere Leute halten, gleichzeitig sind wir aber auch für die Zukunft des Unternehmens verantwortlich.“
In den Hallen des Werkes können diese Überlegungen oft als abstrakt erscheinen, während jeder Handgriff Konsequenzen hat. „Was bringen die besten Pläne, wenn am Ende kein Mensch mehr hier ist?“, sagt Johanna leise, während sie an einer der enormen Produktionsmaschinen vorbeigeht. Ihre Zukunft erscheint ungewiss, und die Antwort auf die Frage, wie es weitergeht, bleibt schwammig.
Nur eines scheint klar: Der Prozess hat gerade erst begonnen und wird in den kommenden Monaten und Jahren seine Spuren hinterlassen, nicht nur in den Bilanzen des Unternehmens, sondern vor allem in den Gesichtern der Menschen, die Thorsten als Kollegen gesehen haben, und nicht einfach als Nummern in einer Abrechnung.