Vor den hohen Fenstern eines unscheinbaren Bürogebäudes in Tallinn sitzt Sten Tamkivi und blickt auf die geordnete Innenstadt. Zwischen Glasfronten und historischen Backsteinfassaden wirkt die Szene ruhig, doch in Tamkivis Gedanken toben längst andere Welten. Gründer, Investor, Netzwerker – und ein Mann, der Verteidigung heute anders denkt als viele seiner Zeitgenossen: als Sache, die nicht allein den Generälen und Kasernen vorbehalten ist, sondern das ganze gesellschaftliche Gefüge betrifft. „Die Linien zwischen Zivil und Militär müssen verschwimmen“, sagt er. „Es ist eine gemeinsame Aufgabe.“
Tallinn, Estlands Hauptstadt, kennt die Schattenseiten des 21. Jahrhunderts besser als viele andere Städte Europas. 2007 erst erlebte die Stadt eine der ersten großflächigen Cyberattacken, die das öffentliche Leben nahezu lahmlegten. Ein flüchtiges digitales Erdbeben, das damals die Welt aufrüttelte und den Begriff „Cyberkrieg“ endgültig ins kollektive Bewusstsein pflanzte. Und Tamkivi? Er war schon damals Teil jener kleinen, aber entschlossenen Gruppe, die begann, digitale Verteidigung als Plattform für ein neues Gesellschaftsbild zu begreifen.
„Man kann sich das so vorstellen: In der analogen Welt hat das Militär Strukturen, Hierarchien, Befehlsketten“, erklärt er. „Doch im Cyber- und Informationszeitalter funktioniert das nicht mehr auf die gleiche Weise. Es ist eher ein Netzwerk von Netzwerken. Unternehmen, Behörden, Quartiersvereine – im Ernstfall können sie alle zum Schutz beitragen.“ Es sei eine Art gesellschaftliches Immunsystem, robust und flexibel zugleich.
Draußen in der Stadt spiegeln sich die digitalen Visionen in den veränderten Prioritäten wider. Start-ups, meist fitnessverliebte Büros, jonglieren zwischen Blockchain-Methoden und der Infrastruktur für sichere Kommunikation. Nicht mehr nur das Militär, sondern die Zivilgesellschaft wird zunehmend als Teil des Schutzschirms betrachtet. Nicht nur ein Angriff von Drohnen und Bomben, sondern ein System, das gezielt Menschen, Daten und Vertrauen vernichten will.
Bei einem Spaziergang durch den Stadtpark beschreibt Tamkivi, wie die Grenzen zwischen ziviler Technologie und Militärtechnik verschwimmen. „Die Innovationsgeschwindigkeit in der Zivilgesellschaft ist so hoch, dass traditionelle Verteidigungsstrukturen sie oft gar nicht mitgehen können“, sagt er mit klarer Stimme. Gerade deshalb müsse der Austausch nicht nur technisch, sondern kulturell stattfinden. „Es fehlt eine gemeinsame Sprache, gemeinsame Übungsfelder, um auf das Unvorhergesehene vorbereitet zu sein.“
Seine Vision ist kein ferner Zukunftstraum. Bereits heute trainieren zivile IT-Fachleute gemeinsam mit Soldaten und Behördenvertretern in sogenannten Cyber-Übungslabors. Tamkivi berichtet von Gruppen, die sich über Ländergrenzen und Sparten hinweg austauschen, im Konfliktfall proaktiv und in Echtzeit reagieren können. „Ich habe viele Gründer getroffen, die plötzlich nicht mehr nur an Wachstum und Gewinn denken, sondern an Stabilität, Vertrauen und Sicherheit. Das ist ein Paradigmenwechsel.“
Doch nicht jede Verbindung zwischen Technologie und Gesellschaft erweist sich als harmlose, symbiotische Entwicklung. Die Debatte um Überwachung und Privatsphäre zieht sich wie ein roter Faden durch Tamkivis Erzählungen. „Wir müssen uns die Frage stellen, wie viel Schutz man bereit ist in Kauf zu nehmen – und zu welchem Preis für die individuelle Freiheit.“ Diesen Zwiespalt sieht er als zentral, wenn Verteidigung zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe wird. Eine Gesellschaft, die sich im Innersten auf Vertrauen stützt, jedoch nicht blind sein darf für das Risiko der Überwachung.
Bei einem Glas Kaffee erzählt Tamkivi von Gesprächen mit internationalen Partnern, wie man diesen Balanceakt weltweit bewältigen kann. „Es gibt einen Trend weg von isolierten Inseln des Schutzes hin zu offenen Systemen mit klar definierten Regeln.“ Der Weg sei noch lang, voller Unsicherheiten und Interessenkonflikte. Ein Netzwerk ist verletzlich, wenn die Verbindungsstellen schwach sind – und da spielen soziale Werte eine ebenso große Rolle wie technische Robustheit.
In den letzten Monaten, in denen der Krieg in der Ukraine täglich in die Welt hinausschallt, wird klarer denn je, dass Tamkivis Überlegungen keine akademischen Spielereien sind, sondern eine existenzielle Dringlichkeit besitzen. Ob zivile Infrastruktur, Stromversorgung, Internet oder medizinische Systeme – sie alle stehen potenziell im Kreuzfeuer moderner Hybridkriegsführung. Tamkivis Ansatz: Gemeinsames Handeln über alle Disziplinen und Lebensbereiche, auch wenn das auf einen Umgang mit Unsicherheit und Ambivalenz hinausläuft, den viele Gesellschaften schwerlich akzeptieren können.
Als wir das Gespräch beenden, schwebt eine Frage über den Straßen von Tallinn: Was bleibt von Freiheit, wenn jedes Netzwerk gleichzeitig Waffe und Schutzschild ist? Wenn Verteidigung keine Sache abgegrenzter Spezialisten mehr ist, sondern das tägliche Miteinander aller? Antworten liefert Tamkivi keine einfachen. Doch durch seine Augen versteht man, warum die Zukunft der Sicherheit nicht in Bunkern und Panzern liegt – sondern in der Stärkung jener unsichtbaren Verbindungen, die Staaten, Menschen und Technologien gerade erst zu knüpfen beginnen.