An einem lauen Abend, in einem kleinen Bistro mitten in der Stadt, saß ich mit einem Glas Grenache entspannt zu Abend, als zwei Männer hereinkamen, die das Lokal musterten. Ihre Outfits waren minutiös abgestimmt: unbeweglich enge Blazer, derart straff, dass Knöpfe zum Fremdwort wurden, darunter schlichte Gym-Shirts, zusammengepresste Jeans und diese typisch halbseidene Art von Slippern, wie man sie vielleicht in einer zwielichtigen Ecke des Diamantenbezirks vermutet. Allein dieses Bild hätte schon genügt, um meine fein geschulten ästhetischen Nerven zu strapazieren – doch was wirklich den letzten Tropfen Ironie in meinen frühen Sommerabend goss, waren die Pilotenbrillen, die fest auf ihren Gesichtern klebten. Nicht etwa eine lose Sonnenbrille, sondern jene unverkennbare Variante, die von republikanischen Filmhelden und Möchtegern-Coolen getragen wird, deren Marketing das Bild vom unerschrockenen Maverick mit Tom-Cruise-grin und Heldenstatus im Rücken befeuert hatte. Ich gewöhnte mich kaum daran, schluckte hastig meine Pommes und verließ fluchtartig das Bistro.
Die legendären Aviator-Gläser, Anfang des 20. Jahrhunderts von Bausch & Lomb für US-Militärpiloten entwickelt, waren ursprünglich eine funktionale Innovation. Das Tränenformglas ermöglichte ein größeres Sichtfeld, der Schweißschutzbügel – die sogenannte Brow Bar – sorgte für Sicherheit, während die ultraleichten Metallgestelle bequem unter einem Pilotenhelm Platz fanden. In jener Zeit waren sie eine gelungene Alternative zu den klobigen Flugbrillen, ein pragmatisches Werkzeug mit Stil. Über die Jahrzehnte handelten sie sich zunehmend eine Aura von Coolness ein, von Hollywoodstars glorifiziert, die in ihrer Filmikone Top Gun die Verkaufszahlen von Ray-Ban in schwindelerregende Höhen katapultierten. Tom Cruise wurde zur lebenden Litfaßsäule für das Modell, und noch heute lebt sein Erbe in der wiederaufgelegten Faszination für die Brillen fort.
Dabei ist es paradox: Aviator-Sonnenbrillen symbolisieren eine gewisse kühne Nonchalance, die vielen von uns fehlt. Sie sind ein Stück schwebender Macho-Mythos, der glauben lässt, man müsse nur eine Sonnenbrille tragen, und schon wartet ein lässiger Auftritt à la Maverick. Doch die Realität zeigt ein anderes Bild. Die durchschnittlichen Träger der klassischen grün getönten Gläser wirken oft eher wie Komikfiguren, die in der Hoffnung auf Coolness zu eng sitzende Hemden tragen und sich unter zu großen Uhren verbergen – verloren im Versuch, einen Stil zu imitieren, der gar nicht der eigene ist.
Die Meisterwerke des Vintage-Cool sind damit aber nicht per se zum Scheitern verurteilt. Es gibt Aviators, die ihre Herkunft ehren, ohne in Klischees zu verfallen – Brillen, die nicht das Gesicht erdrücken oder aufdringlich um Aufmerksamkeit buhlen. So etwa Modelle von American Optical mit quadratischeren Gläsern, die dem überstrapazierten Teardrop-Design eine zeitgemäße Frische verleihen, oder Persol-Varianten mit robusteren Fassungen, die nicht nur Retro sind, sondern tatsächlich Charakter zeigen. Mitunter löst die subtilere Gestaltung der Brow Bar jene archaische Überbetonung auf und öffnet den Weg zu einer eleganten Lässigkeit, die man nicht mit Affektiertheit verwechseln muss.
Man könnte sagen, die Pilotenbrille geriet in Verruf, weil sie unverdientermaßen zur Uniform der Unsicheren wurde. Nicht Tom Cruise ist das Problem, sondern all jene, die ihn imitieren wollen, ohne den Geist zu verstehen, der einst in diese Gläser eingezogen war. Doch wer sagt, dass man nicht anders an dieses ikonische Design herangehen darf? Cutler and Gross entwerfen Aviator-Brillen mit einem Augenzwinkern zur Mode, während Akila durch klare Linien ohne grüne Tönung mit einem modernen Zeitgeist brilliert. Die Disko-Variante des Port Tanger etwa hebt die Brille auf ein anderes, spielerisches Niveau.
Ein Gedanke bleibt haften: Aviator-Gläser waren auf einem Geräusch von Freiheit und Abenteuer entwickelt worden – einem ästhetischen Abenteuer, das damals kühn und funktional zugleich war. Heute jedoch erinnern uns die allzu strengen Sortierungen der urbanen Tischgesellschaft oft an das Gegenteil: die Inszenierung einer Coolness, die aus sicherer Distanz eingefordert wird. Vielleicht ist es an der Zeit, diese Brillen in Ehren auszuschwenken, wie einen alten Bordkameraden, der seine Mission erfüllt hat. Wer sich dennoch nicht trennen kann, dem sei geraten, die verstaubten Klischees zu hinterfragen, den Glanz kaum verwandter Stars hinter sich zu lassen und mit Vorsicht zu wählen. Denn Coolness lässt sich nicht aufsetzen wie eine Sonnenbrille – sie wird erst sichtbar, wenn man sie nicht sucht.