Mit Handschuhen durch die Schatzkammer der Mode: Ein Besuch im Virgil Abloh Archiv
Frühes Jahr, irgendwo im amerikanischen Mittleren Westen: Eine unscheinbare Lagerhalle, kaum zu unterscheiden von der nächsten, verbirgt hinter Sicherheitsvorrichtungen nicht etwa industrielles Allerlei, sondern ein Kulturerbe. Wie aus einem Abenteuerfilm schleiche ich durch weitere Türen, die schwerer als die eines Museums sind, und erreiche schließlich eine geheime Sammlung, dessen Inhalt mich kurz staunen lässt. Vor mir stehen mehrere tausend identisch graue Boxen, akkurat, fast penibel in meterhohen Regalen aufgestapelt. Es riecht förmlich nach Ehrerbietung – wie der berühmte letzte Schuss in „Indiana Jones – Jäger des verlorenen Schatzes“, wenn das Artefakt plötzlich in einem bürokratischen Bunker verschwindet. Hier liegt kein uraltes Relikt, sondern eines der bedeutendsten Archive der zeitgenössischen Mode: Virgil Ablohs Sneaker- und Designsammlung.
Willkommen im Virgil Abloh Archive (VAA) – zumindest in einem seiner zwei geheimen Lagerorte, die sich zwischen zwei Städten im Mittleren Westen der USA verteilen. Dieses riesige Mode-Museum hinter verschlossenen Türen beherbergt mehr als 20.000 Stücke – von Kleidung über Schuhe, komplette Taschen, Skizzen, Dokumente, bis hin zu persönlichen Andenken. Jeder Gegenstand ein Fragment aus dem Leben und Schaffen eines der kreativsten Köpfe unserer Zeit.
Wer war Virgil Abloh, fragt man sich? Schon bevor sein Name eine weltweite Legende wurde, bevor seine Mode von Laufstegen zu Museen wanderte, war er ein Sammler, ein Bewahrer. Ein Archivar seiner selbst sozusagen. Im Stillen legte er den Grundstein: College-Notizbücher, Architektur-Portfolio, alles fein säuberlich verpackt in einfachen Kartons, die nun Teil seines riesigen Schatzes sind. „Sein Denken war stets archivisch“, erzählt Mahfuz Sultan, der Co-Direktor dieses Schatzhauses. Virgil arbeitete nicht einfach nur mit Zukunftsvisionen, sondern mit der Vergangenheit – seiner eigenen und der der Mode.

Als Gründer von Off-White und anschließend künstlerischer Leiter der Louis Vuitton Herrenkollektion war Abloh kein gewöhnlicher Designer. Jedes Modell, jeder Entwurf, jeder noch so winzige Prototyp wanderte in die Sammlung. Athiththan Selvendran, Ablohs ehemaliger Stabschef und jetziger COO der Virgil Abloh Securities (VAS), die das Archiv verwaltet, deckt das Geheimnis auf: „Nichts wurde weggeworfen. Nichts war unwichtig.“ Diese fast schon obsessive Sammlungsmethode spiegelte Ablohs kreativen Zyklus wider – die Wiederholung, das Verwerfen und Erfinden.
Gleichzeitig war Virgil ein Verehrer seiner Weggefährten. Mit liebevollem Sammlerblick kaufte er Werke von Designern, die ihn inspirierten und trug damit bewusst zum kollektiven Gedächtnis der Mode bei. Beim Auspacken zahlloser, nagelneuer Raf Simons Mäntel in Chicago, die noch mit Preisschild versehen waren, wird die Intensität seiner Sammelleidenschaft sichtbar: Nicht einmal für die Snacks nahmen sie sich Zeit, die Stücke schienen quasi direkt aus dem Store ins Lager gesprungen zu sein.

Dieses Archiv ist nicht nur eine physische Aufbewahrung, sondern eine Metapher für Virgils Vision über Mode als eine lebendige, atmende Geschichte. Eine Einladung, Mode nicht nur zu tragen, sondern in ihrer Zeitlosigkeit zu verstehen und zu schätzen. Der Blick in diese Labyrinthwelt zeigt, wie eng Kreativität und Erinnerung verwoben sind. Virgil, der die Vergänglichkeit durch seine minutiöse Bewahrung umarmte, bleibt so lebendig – eingefroren in Spuren, Anfängen und Glanzstücken.
Am Ende verlasse ich diesen Ort mit einem Gefühl, als hätte ich ein flüchtiges Geheimnis kennengelernt, das nur wenigen vergönnt ist. Virgil Abloh hat mit seinem Archiv mehr als Mode bewahrt – er bewahrt Träume, Inspirationen, Perspektiven. Und überall dort, wo ein Paar Sneaker, ein Skizzenbuch oder ein Mantel aus dieser Sammlung auftaucht, trägt sein Geist weiter. Wie bei einem guten Freund, den man im Herzen mit sich trägt, auch wenn er längst nicht mehr neben einem steht.
Ein Schatz, eingelagert für die Ewigkeit. Nur eben nicht in einem verstaubten Museum, sondern in einem Lagerhaus mit grauen Boxen – und dem unsichtbaren Puls einer Legende.