Teheran atmet schwer. Die Straßen sind von einer dichten Stille erfüllt, die mehr schreit als ein bewusster Laut. Hinter den gläsernen Fassaden der Regierungsgebäude, in den staubigen Kasernen und in den privaten Wohnungen vermehren sich Hintergrundgeräusche von Sorge und Anspannung. Die iranische Armee, einst eine territoriale Macht, deren Schatten in der Region weit reichte, wirkt erschöpft – ein müdes Tier, das seinen eigenen Wunden ausweichen muss.
„Wir können nicht mehr antworten wie früher“, sagt ein hochrangiger Offizier, dessen Name aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden will. Seine Stimme hat den Ton jener nüchternen Resignation, die sich einschleicht, wenn man den Stand der Dinge begreift. „Früher waren wir die, die die Fäden zogen. Jetzt sind wir oftmals die Gefesselten im Spiel.“
Seit Jahren ist der Konflikt zwischen Teheran und Tel Aviv eine Art verborgene Kriegsführung, ein Ringen, das nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch im Cyberraum, durch wirtschaftliche Sanktionen und politische Intrigen tobt. Doch jetzt verändert sich die Dynamik. Israel hat die iranischen militärischen Kapazitäten von innen heraus zermürbt, zerstört gar, ohne dass es die großen Schlagzeilen füllte. Ein permanenter Strom von Geheimoperationen, gezielten Bombardements und Drohnenangriffen hat vor allem die iranische Elite-Miliz, die Quds-Brigade, getroffen. Raketenfabriken und Kommandozentralen, lange vermutet, von Teheran akribisch versteckt, sind zerstört worden – bis zu einem Punkt, an dem die Antwortfähigkeit Teherans zunehmend brüchig wird.
Durch das Fenster eines Wohnhauses auf der Nordseite Teherans blickt Reza, ein junger Ingenieur, auf die schneebedeckten Berge am Horizont. Seine Familie spricht selten über Politik, „weil es ohnehin nichts ändert“ – sagt er. Dennoch zeigt sich in seiner Erzählung der Alltag, belastet wie eine lose Schraube, die jeden Moment knacksen kann. Er erzählt von nächtlichen Explosionen in weiter entfernten Provinzen, die eigentlich ganz irgenwo anders liegen sollten, aber von den Erschütterungen im Kern des Landes zu spüren sind. Seine Freunde im Militär, so sagt er leise, haben aufgehört, über Siege zu sprechen – stattdessen sprechen sie nur noch über Verluste.
Die israelischen Angriffe, so scheint es, verpassen es nicht, gezielt die morale Triebfeder zu treffen: militärische Einrichtungen, Stützpunkte in Syrien, verborgene Lagerstätten für Raketen. Manch einer in Jerusalem nennt es eine „Präzisionsmacht“, die nicht die Massen, sondern das Herz des Gegners ausrichtet. Zwischen den Zeilen dieser Strategie wird sichtbar: Ein offener großflächiger Krieg wird nicht gesucht, sondern eine sukzessive Schwächung, die Teheran in eine defensive Haltung zwingt. Die Hoffnung im iranischen Establishment, der Konflikt könne durch Abschreckung gelöst werden, zersplittert Stück für Stück.
In einem Café im Zentrum der Stadt wird das Thema dennoch vermieden. Gäste nippen stillen Kaffee und blicken – nicht ohne einen Hauch von Angst – auf ihre Smartphones. Informationssperren und staatliche Kontrolle ziehen wie unsichtbare Maschen über das Gehabe der Öffentlichkeit. Was nicht gesagt wird, pulsiert aber spürbar unter der Oberfläche. Ein Professor für Nahost-Studien an einer Teheraner Universität bestreitet energisch, dass die Armee „gelähmt“ sei. „Wir sind ein Volk, das im Geiste der Widerstandsbewegung lebt. Man wird immer Möglichkeiten finden.“ Doch auch er räumt ein, wie komplex die Lage ist. Jede militärische Erschütterung führe zu Diskussionen im Regime, gerade über die Frage, wie viel außenpolitisches Risiko das Land noch tragen könne.
Die Menschen spüren dennoch eine Veränderung. Am Markt, in den engen Gassen, die beladen sind mit Gewürzen und Stoffen, sprechen Händler zögernd von Sicherheit, die nachlässt. Nicht vor unmittelbarer Gefahr, sondern vor einer Unsicherheit, die Innenpolitik, Wirtschaft und regionale Machtverhältnisse durchlangt. „Früher fühlten wir uns teil einer starken, kämpferischen Nation“, sagt ein Rentner. „Jetzt fühlt es sich an, als hätte man uns die Faust aus der Hand genommen. Was ist noch da, wenn die Kraft schwindet?“
Draußen in den Straßen, vereinzelt schon, zeigen junge Männer und Frauen mit Verve ihre Frustration. Sie blicken in eine Zukunft, die zerrieben wird zwischen nationalem Stolz und der gnadenlosen Realität eines Krieges, der sich nicht mehr auf dem Schlachtfeld, sondern in den Schatten und der Stille vollzieht. Manche träumen von einer Öffnung, vom Wandel, auch wenn Worte dafür fehlen oder zu gefährlich sind. Andere klammern sich an jahrzehntelange Erzählungen von Heldentum und Aufopferung.
Die Bildsprache der Region ist geprägt von Bossen und Klingen, von Aktionen, die Narben hinterlassen, sichtbar und unsichtbar. Hinter dem scharfen Blick von Satellitenbildern und Strategiekarten sind es Menschen, deren Alltag durch eine Konfliktdimension aufgebrochen wird, die kaum jemand genau sehen will. Sie sind Teil einer Erschöpfung, die sich wie ein Schatten über das Militär und die Gesellschaft legt – kraftlos, aber nicht gebrochen, verletzlich und dennoch kämpferisch in einer stillen Form, die Geschichte schreibt, ohne sich zu erklären.