Am Rand der Wüste, dort, wo die Sonne gnadenlos auf die sandigen Ebenen brennt, sitzt ein alter Mann in einem kaffeebraunen Gewand vor einem kleinen Zelt. Sein Gesicht ist von einem Leben gezeichnet, das zwischen Tradition und Wandel oszilliert. Er spricht leise, fast gedämpft – nicht aus Scheu, sondern aus dem tiefen Bewusstsein, dass Worte Gewicht tragen in diesen Zeiten. „Früher,“ sagt er, „war alles klar. Freund und Feind, Tag und Nacht. Heute ist nichts mehr sicher.“
Diese Unsicherheit hat jüngst eine neue Facette angenommen. Am Horizont, nicht weit entfernt von den hoch aufragenden Bergen und den alten Handelsrouten, hat Israel in den vergangenen Monaten eine Reihe von überraschenden militärischen Erfolgen gegen Iran verbucht – durchschlagende Aktionen, die nicht nur die regionale Machtbalance erschüttern, sondern auch die ambitionierten Pläne Saudi-Arabiens für eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel erneut ins Wanken bringen.
Fast hätte man gedacht, dass die Annäherung zwischen Riad und Jerusalem von anderen Motiven getragen wird – einer geteilten Furcht vor dem iranischen Einfluss etwa, der die Grenze von Bedrohung zu Aggression überschreitet. Doch je sichtbarer Israels neuer militärischer Druck auf Teheran wird, desto merkwürdiger spricht man in den Palästen und Hinterzimmern Saudi-Arabiens über diese Entwicklung: da ist die Stimme der Sorge, aber auch ein sich langsam aufbauender Respekt, gar eine gewisse Faszination über die entschlossene Macht, die Israel entfaltet.
Ein hoher Beamter am Rande eines diplomatischen Treffens, dessen Namen aus Sicherheitsgründen verschwiegen bleiben muss, fasst die Gemengelage so zusammen: „Israel zeigt, was wir vielleicht nie hatten oder zumindest nie so offen demonstrierten – die Fähigkeit, ein beklemmendes, übermächtiges Problem anzupacken, mit einer Klarheit und Entschlossenheit, die gleichwohl beängstigend wirkt.“ Diese Kompetenz allerdings konterkariert den Wunsch Riads, die Türen zur Normalisierung weit zu öffnen. „Wie“, so fragt er, „bindest du dich an jemanden, dessen Macht so stark wächst, dass sie deine eigene Rolle in der Region infrage stellt?“
Vieles in Saudi-Arabien, gerade unter der Führung von Kronprinz Mohammed bin Salman, dreht sich um ein neues Selbstverständnis des Königreichs – das Streben, nicht nur Ölgigantien und religiöser Hüter zu sein, sondern ein regionaler Player, der die Spielregeln mitbestimmt. Doch die jüngsten Ereignisse fordern dieses Selbstverständnis heraus. Etwas, das man im Palast nicht gern ausspricht, aber unüberhörbar in vielen Gesprächen mitschwingt, ist die Angst, dass Israel – dessen militärischer Erfolg gegen Iran das Blatt im Nahost-Schach neu mischt – am Ende mehr Macht und Einfluss gewinnen könnte, als Saudi-Arabien verkraften kann.
Gleichzeitig sieht man jenseits der diplomatischen Korridore eine Bevölkerung, die das Thema durchaus intensiver und differenzierter diskutiert, als man vermuten könnte. In Cafés von Riad bis Dschiddah tauschen junge Männer und Frauen, oft ganz ohne Rücksicht auf traditionelle Konventionen, ihre Gedanken darüber aus, wie das Verhältnis zu Israel aussehen könnte – fernab von politischen Kalkülen, oftmals beeinflusst von Begegnungen in der Diaspora, vom Kino, von sozialen Medien.
„Es ist kompliziert,“ sagt eine junge Architektin, die anonym bleiben möchte. „Wir wissen, dass unsere Regierung mit Israel besser auskommen will, aber viele von uns sind noch nicht bereit, den Iran als Feind zu sehen oder uns Israel bedingungslos zu nähern. Wir sehnen uns nach Sicherheit, ja, aber nicht um den Preis, unsere Identität oder unsere Werte aufzugeben.“
Auch dieses widersprüchliche Stimmungsbild zeigt, wie tiefgreifend der regionale Wandel ist. Die militärische Handlung Israels gegen Iran ist mehr als ein taktischer Schritt – sie ist ein Katalysator, der verborgene Spannungen offenbar macht und neue Fragen aufwirft: nach Macht, Sicherheit und Zugehörigkeit.
Am späten Nachmittag überquert eine Karawane alter Lastkamele die karge Landschaft. Staub wirbelt auf, die Sonne wirft lange Schatten auf den Wüstenboden. Der alte Mann im Zelt schaut ihnen nach und seufzt leise: „Das Spiel der Mächtigen, es lässt uns zurück – in der Hitze, mit Fragen, die niemand endgültig beantworten kann.“