Lars Hinrichs, der Gründer von Xing, wird oft auf die Rolle des visionären Unternehmers reduziert, der mit einem innovativen Netzwerk die Arbeitswelt revolutionierte. Doch nun, Jahre nach dem Ausverkauf seines Unternehmens, steht er vor einer neuen Herausforderung: dem Bau eines Museums für digitale Kunst in Hamburg. Es klingt nach einer Wendung des Schicksals, einem unerwarteten Kapitel im Lebensbuch eines Mannes, der die Grenzen zwischen Technologie und Kunst neu ausloten möchte.
In der Alarmstufe Rot der gängigen Kulturwerte hat sich Hinrichs eine Art Refuge gefunden – in einem Antiquitätenhaus voller Hologramme, NFT-Bilder und interaktiver Installationen, die gegenwärtige Fragen zu Urheberschaft und Besitz in der Kunstwelt aufwerfen. Hier, an einem Ort, der noch den Geruch von frischem Putz und Holz atmet, skizziert er lebhaft seine Vision. „Kunst in der digitalen Welt ist vielschichtiger als alles, was wir in der analogen Kunst gesehen haben“, sagt Hinrichs und seine Augen leuchten auf. Man könnte meinen, er redet über ein Startup, das er gerade aus dem Boden stampft.
Das Museum, das in Hamburg eröffnet werden soll, ist mehr als nur ein Ausstellungsraum. Es versteht sich als eine Plattform – ein lebendiger Organismus, in dem sich digitale Künstler mit traditionellen Praktiken auseinandersetzen. „Es geht nicht nur darum, Werke zu zeigen und zu verkaufen, sondern darum, Diskussionen anzustoßen“, erklärt er, während er durch den künftigen Ausstellungsraum geht, der noch mit Gerümpel gefüllt ist, das auf eine Umgestaltung wartet.
Ein alltägliches Bild: Holzpaletten, die verraten, dass hier mehr als nur Wände errichtet werden. Der Platz ist ein chaotisches Anzeichen von Schaffenskraft, das mit Hoffnung aufgeladen ist. An den Wänden ragen Skizzen für zukünftige Installationen und interaktive Kunstwerke wie exotische Pflänzchen aus dem Boden der Digitalität. Man hört das Klappen von Handwerkzeugen, während Visionen zur Realität werden.
In diesem Raum ist es nicht nur die Technologie, die begeistert, sondern die tiefere menschliche Beziehung zur Kunst. „Es gibt diese Vorstellung, dass Kunst ein Privileg der Reichen ist, und NFT-Kunst hat diese Frage noch verschärft“, sagt Hinrichs und zieht damit Parallelen zu seiner eigenen Vergangenheit. Er möchte die Scheu vor digitalen Medien abbauen und alle Menschen dazu einladen, diese Erlebnisse zu genießen. Dieses Museum soll nicht eingleisig sein; es soll vertreten, was der digitale Raum zu bieten hat – Anonymität, Interaktivität, Offenheit.
Dennoch, in Gesprächen über den kulturellen Wert digitaler Kunst gibt es auch skeptische Einwände. „Ist das nicht alles nur ein Hype?“, fragt einer der Gäste, der wie ein Schatten zwischen den lodernden Ideen umherwandert. Seine Fragen sind berechtigt – und Hinrichs hat bereits ein Gegenargument parat. „Jede technische Revolution hat ihre Kritiker“, murmelt er, fast leise, aber klar. „Dennoch sind wir hier, um den Diskurs zu fördern, und die Kunst darum zu neuem Leben zu erwecken.“
Während die Diskussion fortschreitet, wird es deutlich, dass das Museum auch eine Art Testgelände für Hinrichs ist, eine Reflektion seiner eigenen künstlerischen Ader. Immerhin hatte er diese Sprache jahrzehntelang nur aus der Sicht des Unternehmers betrachtet, während nun ein neues Erzählmuster um ihn herum gewebt wird. „Ich bin kein Künstler“, sagt er fast trotzig. „Aber ich bin einer von vielen, die versuchen, einen Raum zu schaffen, in dem Kunst geatmet werden kann.“
Er geht zu einem großen Bildschirm, der ein leuchtendes NFT-Kunstwerk zeigt. „Hier sieht man die Verbindung zwischen Tradition und Innovation“, fügt er hinzu, während das Bild pulsierend zu blitzen beginnt. Der Wechsel von statischen Bildern einer Galerie zu interaktiven Installationen ist für ihn nicht nur ein technischer Fortschritt, sondern auch ein Grundsatzdialog über das, was Kunst sein kann.
Die Eröffnung des Museums steht bevor, und Hinrichs wird unweigerlich mit den doppelten Kanten seiner Bestrebungen konfrontiert. Wird sein Traum einer Plattform für digitale Künstler Wirklichkeit werden oder in den oft labyrinthartigen Trauerräumen der Kunstgeschichte verloren gehen? Diese Fragen finden nicht nur in seiner Betrachtung einen Platz, sondern auch in der Meinung der breiten Öffentlichkeit.
Hinrichs ist fest entschlossen. „Es ist an der Zeit, diese Kunst zu legitimieren und ihre Stimmen zu hören.“ Seine Vision ist nicht nur ein Raum, sondern eine Bewegung – ein notwendiger Impuls in einer komplexer werdenden Welt. So wandelt Lars Hinrichs in der Zwischenwelt zwischen digitaler Zukunft und analoger Vergangenheit, und während vom Museum der digitale Atem der Kunst ausgeht, bleibt die Frage: Was wird die Zeit über dieses Experiment sagen?