In den schattendunklen Gassen einer großen Metropole Lateinamerikas, irgendwo zwischen werktäglichen Geräuschen und dem stetigen Fluss des Lebens, scheinen Augen zu blinzeln, die viel sehen und wenig sagen. Es ist nicht die Kamera eines Touristen, der ein paar Schnappschüsse machen will, sondern das unsichtbare Netz eines politischen Spiels, das weit über die Grenzen der Stadt hinausreicht – bis hinauf in die gläsernen Türme Washingtons.
Teheran – eine Stadt, deren Name in unserer Aufmerksamkeit meist mit den großen Schlagzeilen zu tun hat: Atomverhandlungen, Sanktionen, Raketenstarts. Aber weit von den Fernsehkameras entfernt entfaltet sich eine andere, leise Operation: Irans Finger im lateinamerikanischen Geflecht. Eine Karte, die auf den ersten Blick kaum vermutet: Kuba, Venezuela, Bolivien, Nicaragua – Länder, die der Welt oft durch ihre eigenen Krisen, ihre politischen Turbulenzen oder ihren Widerstand gegen US-Einfluss bekannt sind. Doch sie sind auch die Bühne eines stillen Krieges, der mit Spionage, Einflussnahme und einem komplexen Geflecht aus Ideologie, Macht und Überleben spielt.
Ein ehemaliger Diplomat, der anonym bleiben möchte, erinnert sich an einen Nachmittag in Caracas, in einer jener Cafés, die von internationalem Personal frequentiert werden: „Da sprach ein iranischer Politiker offen über den Aufbau von Netzwerken, über die Unterstützung von Bewegungen, die den US-amerikanischen Hegemon herausfordern. Nicht mit Posaunen, sondern mit Geduld.“ Geduld – das entscheidende Wort in einer Welt, in der Spione nicht mehr wie in alten Filmen mit Tarnkappen auftreten, sondern oft als charismatische Aktivisten, Geschäftsleute oder Philanthropen vermummt sind.
Venezuela dient hier als ein Zentrum dieser Aktivitäten. Schon lange ist bekannt, dass die venezolanische Regierung trotz massiver innerer Probleme und internationaler Isolation Unterstützer sucht – und gefunden hat. Die Verbindung zu Teheran ist dabei keine bloße politische Allianz, sondern ein Strang eines Netzes, das über Öl, Geld und strategische Interessen gespannt ist. Iranische Technologien, etwa im Bereich der Drohnen und Militärtechnik, sollen dort Einzug gefunden haben. Zugleich eröffnen iranische Organisationen kulturelle und religiöse Zentren, die scheinbar harmlos wirken, im Hintergrund jedoch eine Brücke zu lokalen Gruppen schlagen, die in ihren jeweiligen Ländern ohnehin an den Rand gedrängt oder verfolgt werden.
Doch es sind nicht nur große Staaten, die gezogen werden. Kleine Organisationen, linksgerichtete Parteien und sogar einige soziale Bewegungen finden in den Partnerschaften oder der Unterstützung Teherans eine neue Stimme oder eine Möglichkeit, im geopolitischen Schatten zu agieren. Eine Aktivistin aus Buenos Aires, die sich intensiv mit transnationalen Bewegungen beschäftigt, beschreibt die Dynamik: „Es geht nicht nur um Ideologie. Es ist eine Art Überlebensstrategie gegen den US- und westlichen Einfluss, der hier als kolonial empfunden wird. Iran bietet eine Alternative, auch wenn sie mit eigenen Interessen verwoben ist.“
In Kolumbiens Grenzregionen zu Venezuela haben Sicherheitsbehörden bereits mehrfach Verdachtsmomente geäußert, dass iranische Agenten dort Kontakte vermitteln oder lokale Gruppen mit Informationen versorgen. Diese Beobachtungen verstärken den Eindruck, dass die iranische Präsenz in Lateinamerika organisatorisch weit ausgedehnt ist, mehr als bisher angenommen. Nicht selten sind es auch wirtschaftliche Projekte, etwa in der Landwirtschaft oder im Handel, die als Tarnung dienen – und dennoch politische und strategische Absichten in sich tragen.
Und dann ist da noch die Frage der US-Inlandsbedrohung. Experten aus Washington, mit denen man sprach, sprechen von „realen und potenziellen Risiken“, dass iranische Netzwerke auch innerhalb der Vereinigten Staaten an Einfluss gewinnen könnten. Mehrere Untersuchungen und Festnahmen in den vergangenen Jahren unterstreichen diese Sorge, dennoch bleibt vieles undurchsichtig. Der Wandel im Informationskrieg hat die Spielregeln verändert. Cyberangriffe, Desinformationskampagnen, eingerichtete soziale Gruppen und Reverse-Engineering von Technologie gehören zum Arsenal einer modernen Spionage. Wer dabei nur an Agenten mit Aktenkoffer denkt, verkennt die Lage.
Das Bild verkompliziert sich weiter, wenn man die historischen Verbindungen betrachtet. Schon in den 1980er Jahren fanden Diplomaten, revolutionäre Kämpfer und Aktivisten aus dem Mittleren Osten und Lateinamerika zueinander. Gemeinsame Feindschaften, Sprachrohre gegen westliche Mächte, entwickelten sich über Jahrzehnte zu einem subtilen Netzwerk, das auch informelle Kanäle nutzt – persönliche Beziehungen, Austauschprogramme oder geheime Treffen abseits öffentlicher Aufmerksamkeit.
Teherans Präsenz in Lateinamerika ist also keine plötzliche Episode, sondern ein wurzelhaftes Phänomen, das tief in der politischen und gesellschaftlichen Landschaft verwoben ist. Dabei zeigt sich, wie globalisierte Konflikte ihre Fährten in scheinbar abgeschiedene Winkel der Welt legen. Ein einfacher Händler, der Öl oder Agrarprodukte vertreibt, wird Teil einer Geschichte, die sich auf mehreren Ebenen abspielt: Wirtschaft, Ideologie, Macht.
„Man muss das alles ganz vorsichtig lesen“, sagt eine Journalistin aus Mexiko-Stadt, die sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt. „Wenn du zu direkt und laut nach den Verbindungen fragst, schließt sich die Tür. Doch hinter den Fassaden sind die Geschichten vielfältig, und die Menschen, die dort agieren, sind oft keine eindimensionalen Schurken. Es sind Überlebende, Opportunisten, manchmal Idealisten – und sie alle bewegen sich in einem Spiel, das viel größer ist, als man auf den ersten Blick sieht.“
Drogenschmuggel, Waffentransporte, politische Einflussnahmen – all das ist Teil dieses Geflechts, das nicht nur die Staaten, sondern auch das tägliche Leben vieler Menschen in Lateinamerika berührt. In den Slums von Caracas, in den politischen Salons Havannas, in den Bürokomplexen von Buenos Aires: überall verläuft dieser Stachel der globalen Politik, unsichtbar, aber spürbar.
Und während die diplomatischen Spannungen und die großen Schlagzeilen die Aufmerksamkeit auf Teheran und Washington lenken, entziehen sich die zahllosen kleinen Verzweigungen einer endgültigen Kategorisierung. Sie erzählen von einer Welt, in der Macht nicht nur durch Parolen und Militärstärke ausgeübt wird – sondern durch Netzwerkbildung, subtile Allianzen und das hartnäckige Klopfen an Türen, die sich nur langsam öffnen. Manchmal auch an die eigenen.