Er sitzt in einem unscheinbaren Büro hoch oben in einem Hochhaus in Manhattan, zwischen Aktenstapeln und dem geschäftigen Lärm der Stadt, die niemals schläft. Seine Stimme ist ruhig, fast sanft, wenn er über den Staat New York spricht – ein Staat, dessen Vielfalt und Dynamik auf globaler Ebene Seltenheitswert hat. Doch jenseits des versöhnlichen Tons ebenso verlässlich wie unverhohlen in seinen Ansichten liegt etwas, das viele Beobachter als beunruhigend empfinden.
Nehmen wir zunächst das Selbstverständnis. Kritiker nennen ihn einen traditionalistischen Islamgelehrten, der sich mit großer Sicherheit und rhetorischer Gewandtheit gegen fundamentale Werte des westlichen Liberalismus positioniert. Innenpolitisch verspricht er keine Islamisierung, keine Scharia als Gesetz des Landes – zumindest in seinen offiziellen Äußerungen hält er daran fest –, doch seine Worte legen nahe, dass der Islam in seiner reinen Form die beste Gesellschaftsordnung darstellt, das Ideal, das über der säkularen Welt thront. Wie ein Schatten, der sich weigert zu weichen, wirft jene Haltung Fragen auf, die über abstrakte Wertedebatten hinausgehen und sich direkt in den Alltag und die politische Kultur New Yorks einschreiben könnten.
In der kleinen aber wachsenden muslimischen Gemeinde New Yorks wird dieser Mann als geistiger Führer gefeiert, verurteilt, verehrt – ein Symbol dafür, wie Glauben und Politik sich hier verweben. Ein junger muslimischer Student erzählt, bei einer Veranstaltung habe der Geistliche von der „dualistischen Weltanschauung“ gesprochen: Dem Gläubigen stehe ein klarer Weg vor Augen, das laute Chaos der modernen Gesellschaft sei eine Prüfung, die Unreinen meiden müssten. „Man merkt sofort, wie zwingend und streng diese Vision ist“, sagt der Student, „und wie wenig Raum für Kompromisse bleibt.“
Diese Rigidität berührt schließlich auch institutionelle Fragen. Beispielsweise, wie Muslimische Gemeinden in New Yorks Stadtteil Queens, mit seinen hunderttausenden Zuwanderern und Nachfahren, ihre religiösen, aber auch sozialen Bedürfnisse gestalten. Wenn religiöse Führer, wie dieser Mann, von einer „urgesetzlichen Ordnung“ sprechen, die gegenüber der „westlichen Demokratie“ zurückzutreten hat, bleibt wenig Platz für liberale Gedanken: für Frauenrechte, sexuelle Selbstbestimmung, freie Meinungsäußerung. In einem von Pluralismus geprägten urbanen Raum entstehen so schleichend Reibungen, die nicht sofort sichtbar, aber tiefgreifend sein können.
Der Geistliche vermeidet bewusst jede offene Konfrontation, wenn Journalisten ihn dazu befragen, ob er die Einführung der Scharia in New York wolle: „Das ist nicht mein Ziel“, sagt er. Doch die feine, unterschwellige Botschaft, die sich im Diskurs mit seinen Anhängern entfaltet, ist eine andere. Seine Predigten appellieren an die Rückkehr zu einem islamischen Ethos, zur Auflösung von „unislamischen“ Praktiken, zum Widerstand gegen westliche Kultur- und Sozialnormen. Es bleibt ein schmaler Grat zwischen dem privaten Glauben und dem politischen Anspruch. Und es ist dieser Grenzgang, der zu Debatten um Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt beiträgt.
Unter den Einwohnern wächst ein Bewusstsein dafür, dass die Fragen, die dieser Geistliche stellt, nicht länger nur innerreligiöse oder akademische Debatten bleiben dürfen. „In einer globalisierten Stadt mit Millionen Einwohnern, in der verschiedenste Weltbilder aufeinandertreffen, lässt sich das Nebeneinander von tief konservativen Glaubensvorstellungen und progressivem demokratischem Leben nicht einfach ausblenden“, sagt eine Soziologin der New York University. „Es geht dabei auch um Machtfragen, um Einflussnahme in Communitys, um gesellschaftliche Grenzen, die ausgehandelt werden müssen.“ Sie spricht von „legitimen Sorgen“, von der Herausforderung, unter Wahrung von Religionsfreiheit wachsende Exklusionen zu verhindern.
Manche politische Beobachter nehmen die Debatte mit einer gewissen Müdigkeit wahr. Für sie ist klar, dass die USA immer schon ein Ort für tiefgeprägte religiöse Überzeugungen und konservative Werte waren – von den Glaubensgemeinschaften der Fundamentalisten bis hin zu evangelikalen Bewegungen. Doch der Unterschied hier ist subtiler und gleichzeitig aufgeladener. Die globalen Verflechtungen und die transnationale Agenda des salafistisch geprägten Gedankenguts, das der Geistliche verkörpert, bereiten manchen Kopfzerbrechen: Nicht weil unmittelbar Gesetze drohen, sondern weil durch kulturellen und sozialen Einfluss langfristige Umwandlungen angestoßen werden könnten, die das liberale Gefüge der Stadt herausfordern.
Auf den Straßen Queens hört man die Stimmen in den Bäckereien, Cafés und Moscheen. Eine ältere Frau, die in der Gemeinde aktiv ist, sagt: „Er hat viele junge Menschen erreicht, die sich verloren fühlen, die eine klare Identität suchen.“ Gleichzeitig bleibt da das Frösteln bei den Worten, wie die Rolle der Frau gesehen wird, wie Minderheiten innerhalb der Religion behandelt werden. In einer Zeit, in der Grenzen zwischen Kulturen und Ideologien verschieben, sind dies keine einfachen Fragen.
Die Stadt selbst nimmt die Herausforderung auf ihre Weise wahr: Öffentliche Debatten, interreligiöse Dialoge, kommunale Initiativen zur Förderung einer pluralen und offenen Gesellschaft sind Teil des Gefüges, das täglich verhandelt wird. Noch ist New York nicht verloren an autoritäre oder religiös begründete Dogmen. Doch die Konturen dessen, was „normal“ und „vertretbar“ ist, sind Gegenstand des Ringens – zwischen Bewahren und Verändern.
Eines jedenfalls lässt sich beobachten, wenn man genau hinsieht: Die Grenzen zwischen Religion, Politik und Gesellschaft sind in Bewegung geraten. Und in diesem Spannungsfeld flackert, neben vielem Anderen, die Frage auf, wie frei eine offene Gesellschaft bleiben kann, wenn traditionelle Glaubensmuster wieder laut und selbstbewusst auftreten. Der Geistliche mag heute noch keine Gesetze fordern, aber die Sprache seines Bewusstseins ist ein Spiegel einer Welt, in der alte Ordnungen mit neuer Bedeutung aufgeladen werden – ein Spiegel, den New York nicht einfach ignorieren kann.