Im Morgengrauen herrscht in den engen Gassen von Ramallah oft ein fast unheilvolles Schweigen. Nur das ferne Rattern von Motorrädern, das Klirren von Metalltoren und manchmal ein gedämpftes Gespräch durchbrechen die Stille. In diesen Momenten, wenn die Stadt noch vor dem hektischen Alltag in einer gespenstischen Ruhe verharrt, zeichnen sich die Narben einer Gesellschaft ab, die zwischen Hoffnung, Frustration und einem tief verwurzelten Konflikt lebt.
Eine nahöstliche Realität, die nur wenige in ihrer Komplexität sehen wollen oder können, offenbart sich erst bei genauerem Hinsehen. Anfang Februar veröffentlichte das Jerusalem Center for Public Affairs (JCPA) einen Bericht, der einen selten beleuchteten Aspekt offenlegt: die bewusste Verherrlichung von PA-Sicherheitskräften – Polizeibeamten der Palästinensischen Autonomiebehörde –, die an Angriffen auf Israelis beteiligt waren. Dort werden sie nicht nur als Helden gefeiert, sondern als Symbolfiguren für eine Kollektividentität, die sich im permanenter Abwehrhaltung gegenüber Israel befindet.
Hinter jedem dieser gefeierten Namen steckt eine Geschichte – Geschichten von Männern und Frauen aus den Vororten von Ramallah, Dura oder Bethlehem. Familien, die nicht selten an den Tischen sitzen, an denen ich in den letzten Jahren saß, und von ihren Söhnen erzählten, als seien sie gefallene Engel, „Märtyrer“ im offiziellen Sprachgebrauch. „Er war ein einfacher Polizist“, erzählte mir Abu Nabil, ein pensionierter Sicherheitsmann, der heute als Buchhalter arbeitet, „aber als er handelte, wurde aus ihm ein Symbol, eine Inspiration.“ Im vollgepackten Wohnzimmer, wo Fotos von Jugendlichen in Uniform die Wände zieren, erklärt sich dieser Wandel als eine Art notwendiger Mythologisierung in Zeiten von täglicher Bedrohung und politischem Stillstand.
Dass die PA-Sicherheitskräfte nicht allein Hüter der öffentlichen Ordnung sind, sondern in der eigenen Gesellschaft auch als Kämpfer gegen die israelische Besatzung gelten, ist im Palästinensergebiet weit verbreitet. Doch wie genau werden diese Akteure ausgezeichnet? Der JCPA-Bericht zeigt eine systematische Praxis, die von Zeremonien, Auszeichnungen und öffentlichen Ehrungen reicht bis hin zur Verbreitung ihrer Geschichten in Schulen und Medien. Ein Paradebeispiel ist der offizielle Empfang, der nach einem tödlichen Angriff auf Israelis in Polizeikreisen von Ramallah abgehalten wird: Fahnen wehen, Reden preisen den Mut, und es werden Medaillen überreicht. All das vor einem Publikum, das zwischen Stolz und Trauer schwankt.
Für viele Palästinenser ist dies ein Ausdruck der Resilienz, der Suche nach Bedeutung in einer scheinbar ausweglosen Situation. Doch es birgt auch eine gefährliche Ambivalenz. In einer Atmosphäre, in der Gewalt zum politischen Ausdrucksmittel erhoben wird, verschwimmen die Grenzen zwischen Selbstverteidigung und Terrorismus. „Das, was hier als Heldentum gilt, ist anderswo ein Akt des Terrors“, sagt ein israelischer Anthropologe, der seit Jahren im Westjordanland forscht. Diese Divergenz spiegelt den Kern des Konflikts wider, der sich nicht nur in Landkarten, sondern in den Herzen und Traditionen zweier Völker manifestiert.
Eine junge Polizistin, die ich unter dem Pseudonym Layla kennenlernen durfte, spricht vorsichtig über die Dynamik: „Ich verstehe, warum junge Leute sich radikalisieren. Es ist schwer, wenn der Staat, den du repräsentierst, keine wirkliche Perspektive bietet.“ Ihre Schilderungen zeigen die innere Zerrissenheit, die im Schatten der Ehrungen für diese mit Waffen handelnden Kollegen liegt. Für Layla ist die Uniform längst nicht mehr das reine Symbol für Recht und Ordnung; sie ist ein Balanceakt zwischen Pflicht, eigener Identität und den Erwartungen der Gemeinde.
Das öffentliche Bild, das hier strapaziert wird, ist auch Teil eines größeren politischen Spiels. Die Palästinensische Autonomiebehörde steht auf Messers Schneide zwischen internationalen Friedensbemühungen und dem Druck von innen, ihre Legitimität nicht zuletzt durch solche heroischen Narrative zu sichern. Die Interessen der Machthaber und die Sehnsüchte der Bevölkerung gehen oft Hand in Hand, manchmal aber auch diametral auseinander.
In den Straßen von Nablus, einer Stadt mit einer besonders ausgeprägten Sicherheitspräsenz, beobachten ältere Männer und Frauen, wie die Jugend aufbricht, sich ihren Idolen anschließt oder eben Widerstand leistet – jeder Sonntag kann eine neue Geschichte bringen, die von Wut, Hoffnung oder Verzweiflung erzählt. Manchmal, so höre ich von Lehrern in den örtlichen Schulen, wird die Verherrlichung dieser Akteure auch in der Schulbildung gefördert, um ein Gefühl von Identität und Widerstandsfähigkeit zu stärken. Doch was bedeutet es für eine ganze Generation, wenn Gewalt zur Form der Anerkennung wird?
In einem kleinen Café nahe der Hauptstraße in Ramallah hörte ich einmal den Satz: „Wenn dieser Weg der einzige ist, wie man in Erinnerung bleibt, dann erzählt das viel über uns.“ Er sprach von einem kollektiven Trauma, das nicht allein durch politische Lösungen geheilt werden kann, sondern durch das weder Sympathie noch Rechtfertigung allein erfassen können.
So verbleibt das Bild jener Polizisten, die in der Öffentlichkeit zu Helden stilisiert werden, nicht fern von der alltäglichen Ambivalenz dieser Region. Zwischen Ehrerbietung und Zerrissenheit, zwischen Märtyrertum und der Frage nach einem zukünftigen Frieden – die Geschichten dieser Männer und Frauen prägen das gesellschaftliche Gefüge und werfen lange Schatten auf die Hoffnung, die sich im Morgengrauen über diese Stadt legen möge.