Ismael ‘El Mayo’ Zambada – ein Name, der in den Schatten der mexikanischen Sierra Madre seit Jahrzehnten flüstert. Vierzig Jahre an der Spitze eines der mächtigsten Drogenkartelle der Welt – dem kartell von Sinaloa. Nun, mit fast 80 Jahren auf dem Buckel, steht Zambada unter Anklage: Massenweise Tonnen von Drogen, die den Atlantik überschritten haben, um die Straßen der USA überschwemmen. Doch wer ist dieser Mann jenseits der Schlagzeilen? Und was bleibt von einem Mythos, wenn er in den Gerichtssälen verklagt wird?
Das Gesicht auf der Anklagebank bleibt vielen unbekannt, doch seine Geschichte ist tief verwurzelt in einer Realität, die Mexiko über Jahrzehnte formte und prägt. „El Mayo“ – der Mai – erhielt seinen Spitznamen nicht nur, wegen seines ruhigen Wesens, sondern auch wegen der Blütezeit im Frühling, die er für sich beanspruchte. Geboren in der Provinz Sinaloa, einer Landstrich, der mehr als alles andere von Tabakfeldern, Kakteen und der rauen Schönheit des Nordwestens Mexikos geprägt ist. Ein Stück Erde, auf der Hirschherden durch die Trockenzeit ziehen und Männer mit staubigen Hüten und rauchigen Stimmen Geschichten weben, die so alt sind wie das Land selbst.
Zambada trat ein in eine Welt, die sich rasend schnell änderte: Anfang der 1980er Jahre lag die Kontrolleurrolle über den Drogenschmuggel fest in den Händen der Guadalajara-Kartells, doch nach deren Zerfall schlug in Sinaloa eine neue Ära an. El Mayo verstand mehr als viele andere, wie man in dieser Welt überlebt und gedeiht. Er war selten in den Schlagzeilen, seine Erscheinung ist bescheidener als die seines ehemaligen Partners Joaquín „El Chapo“ Guzmán. Keine spektakulären Ausbrüche, keine wahnsinnigen Fluchten – seine Macht wurzelte in Geduld und Verbindungen.
„Er ist wie ein Schatten, immer da, aber schwer zu fassen“, beschreibt ein ehemaliger Ermittler in den USA, der an Fällen gegen das Kartell gearbeitet hat. „Vielleicht ist das sein größtes Geheimnis.“ Zambada hat es vermocht, ein Netzwerk aufzubauen, das weder an Grenzen noch an Kontinenten Halt macht. Tonnen von Kokain, Heroin, Methamphetaminen und Marihuana – Stoffe, die aus den Hügeln von Sinaloa in die urbanen Zentren Kaiserreichs Amerika gebracht wurden.
Die Anklage nun ist bedrohlich, ein symbolischer Schlag gegen die Wiege der Unterwelt. Doch das Bild eines alten Mannes hinter Gittern scheint beinahe unwirklich, wenn man die ganze Dimension betrachtet. Hinter ihm steht ein Geflecht aus Loyalitäten, Korruption und Gewalt, die in Mexiko so tief eingewoben sind wie die Maisfelder und der Staub der Landstraßen. Es sind nicht nur kriminelle Machenschaften – es sind wirtschaftliche Strukturen, die viele Orte am Leben erhalten und andere zerstören.
In einem entlegenen Dorf nahe Culiacán hört man die Geschichten, wie Zambada mit Wasser und Lebensmitteln half, als die Dorfgemeinschaften von den Kämpfen der Kartelle zerrieben wurden. „Er ist kein Heiliger, aber ein Mann, der auf seine Weise für das sorgt, was er kontrolliert“, erzählt ein älterer Bauer. Die Grauzonen der Moral sind hier breitflächig, verworren und allgegenwärtig.
Währenddessen sprudeln in den US-amerikanischen Städten Milliarden Dollar durch die Pharmakonzerne, Polizeieinheiten und politischen Diskussionen, die mit der sogenannten „Drogenkriminalität“ verbunden sind. El Mayo ist nur ein Teil eines Puzzles, das sich aus globaler Nachfrage, politischer Willkür und sozialer Ungleichheit zusammensetzt – ein Puzzle, das sich immer wieder neu zusammensetzt und in dem der „Chef“ der Sinaloa-Gang und Milliardär zugleich ist, der zugleich aber auch ein Produkt seiner Zeit und seines Umfelds bleibt.
Die Figur Zambada wirft Fragen auf, die über ihn hinausgehen: Welcher Preis wird bezahlt für die Sicherheit auf den Straßen? Wie viel wird übersehen, wenn man nur den Täter sieht und nicht das System, das ihn erschafft? Und wem eigentlich dient der Krieg gegen die Drogen?
Die Anklage gegen Ismael „El Mayo“ Zambada mag ein Kapitel im langen Buch des Drogenhandels markieren – sie ist aber keine Geschichte mit Anfang und Ende. In den Hügeln Sinaloas werden bald andere Männer aufsteigen, Schatten werden neue Formen annehmen.
Und irgendwo, zwischen den trockenen Windböen und den modernen Highways, hallt sein Name nach – ein Echo, das sich nicht leicht zum Schweigen bringen lässt.