Der unsichtbare Durst: Warum wir für Mineralwasser zahlen, obwohl Leitungswasser gratis fließt
In der schlichten Küche einer kleinen Berliner Wohnung prasselt der Regen gegen die Fensterscheiben. Über einem rustikalen Holztisch, um den sich die in T-Shirts und Jogginghosen gekleideten Mitbewohner versammelt haben, steht eine große Glasflasche fulminant mit Mineralwasser gefüllt. Die prickelnden Blasen steigen lustig an die Oberfläche, während über die tägliche Musikplaylist diskutiert wird. Plötzlich wird klar, was hier im Zentrum steht: Wasser. Aber nicht irgendein Wasser – das „richtige“ Wasser.
„Wieso trinkst du Mineralwasser?“, fragt Tom, der sich gerade an eine neue App für Smoothie-Rezepte heranmacht. „Leitungswasser tut’s doch auch.“ Ein paar Augen rollen, als Lisa, die in der Bio-Branche arbeitet, ein philosophisches Lächeln aufsetzt. „Ja, aber es hat nicht den gleichen Geschmack und die Blubberblasen fördern den Genuss.“ Sie nimmt einen Schluck und blickt zufrieden auf die Glasflasche, als wäre sie ein Kunstwerk aus einer Galerie.
Es ist ein Bild, das sich in vielen Haushalten wiederholt: Mineralwasser ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Der Absatz der sprudelnden Variante hat in den letzten Jahren schwindelerregende Höhen erreicht. Doch warum greifen die Deutschen, trotz sauberem und kostenlosem Leitungswasser, nicht mehr zur einfachen Lösung?
Gestattet man sich einen Blick in die Welt der Marken, so wird schnell klar, dass das Spiel nicht nur mit Wasser, sondern auch mit Emotionen und Wahrnehmungen gespielt wird. Im Hintergrund schleicht der geradezu omnipräsente Marketing-Experte Johannes Müller durch die Straßen. „Mineralwasser steht für Lebensstil, für Genuss“, sagt er in einem Café, während er unermüdlich an seinen Zetteln kritzelt. „Das ist ein anscheinend harmloses Getränk – aber es trägt so viele Geschichten in sich.“
Er beschreibt, wie Marken mit cleveren Kampagnen und ansprechendem Design das einfache Getränk zu einem Statussymbol hochstilisieren. „Voss“ aus Norwegen in der eleganten Glasflasche, „San Pellegrino“ mit seiner prickelnden Nonchalance, oder „Aqua Panna“ aus der Toskana, die den warmen italienischen Sommer in eine Flasche filtert. So wird Mineralwasser zum „must-have“ für jede Dinnerparty oder sogar zum Accessoire für das nächste Instagram-Foto.
Zu diesen Mustern nimmt die Soziologin Jana Siebert Bezug. In einem zarten Gespräch in einer charmanten Buchhandlung verknüpft sie das Trinkverhalten mit gesellschaftlichen Strömungen. „Wasser ist mehr als Mangelbeseitigung. Für viele ist es ein Ritual geworden, ein Teil der Identitätsbildung.“ Sie spricht von den Schwankungen des modernen Lebens, wo viele Menschen nach Stabilität und einem Moment der Freude suchen, und wie sie in der Flasche Mineralwasser eine Art Zuflucht finden. „Das Sprudeln der Blasen, der sound der Öffnung – all das sind kleine Feiern im Alltag. Es geht nicht nur ums Trinken, sondern um das Gefühl, das es vermittelt.“
Ein weiteres Phänomen – das mit dem „sauberen Wasser“ konfrontiert ist – ist die verstärkte Skepsis gegenüber der Leitungswasserqualität. In verschiedenen Berichten wird von möglicherweise sinkender Wasserqualität und deren Auswirkungen auf die Gesundheit so viel diskutiert, dass es für viele mehr als nur eine schlichte Flasche Wasser ist, die sie auf dem Tisch stehen haben. Sie schützt vor Unbekanntem, selbst wenn das Leitungswasser durch strenge Kontrollen eigentlich nicht mehr zu beanstanden ist.
Und so fliegen die Flaschen für einen Abstecher zum Rewe oder Edeka wöchentlich über die Ladentheke, während die Regale überquellen. Höchste Zeit, über die Gewohnheiten der Verbraucher nachzudenken. Schwarz-gelbleuchtend strahlt das Regal für Mineralwasser – farblich harmonisch abgestimmt, frisch und einladend. Hier wird nicht nur das Produkt verkauft, sondern ein Lebensstil im Einklang mit dem Selbstbild der Konsumenten.
An der Kasse kann man sehen, wie der Kassierer die Dosen und Flaschen einscannt – die Kunden lächeln bei jedem Wurf in den Einkaufswagen. „Das ist eine Investition in mein Wohlbefinden“, könnte man hören. Dabei ist es der Gedanke, der hier vielleicht den größten Kaufanreiz darstellt – das Gefühl, es sich gut zu gehen zu lassen, seine Bedürfnisse zu stillen und Teil einer höheren Gemeinschaft zu sein.
Im Hinterkopf bleiben die Stimmen, die wider das Mehrweg-Getränke-Verpackungssystem klagen: „Umweltschutz, Recyceln, der Weg in die Zukunft“, murmeln sie zwischen den Zeilen. Dennoch blüht der Markt. Mineralwasser, die sprudelnde elitäre Wahl, ist gefragter denn je. Und auch wenn der Preisverfall bei Flaschenwasser für viele Unternehmen eine Sorge ist – sie bleiben dabei, den gleichen Weg weiterzugehen, denn das alte Sprichwort „Wasser ist Leben“ wird weit über das niemals ganz greifbare Element hinaus interpretiert.
Und so kreisen die Gedanken während der rauschenden Wasserblasen hin und her: Ist es wirklich nur ein Drink? Oder steckt hinter dieser Flasche Mineralwasser mehr? An diesem Einblick in den Alltagsdurst, den wir uns ganz bewusst und zu einem Preis gönnen, steht jeder für sich allein, bei einem heimlichen Toast auf das sprudelnde Leben.