Andreas Neyen sitzt in seinem lichtdurchfluteten Büro in Potsdam, umgeben von gestapelten Akten und dem monotonen Geräusch eines Druckers, der mehr Mühe hat als die Maschinen in seiner eigenen Fertigung. Als Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens im Maschinenbau hat er in den letzten Jahren nuancierte Erfahrungen mit der deutschen Wirtschaft gemacht – und die letzten Monate waren für ihn mehr als herausfordernd. Das neue Wachstumspaket der Bundesregierung wirft für ihn und viele andere Unternehmer mehr Fragen auf, als es Antworten bietet.
„Man muss sich schon fragen, was genau das Wachstumspaket eigentlich bewirken soll“, sagt Neyen und schüttelt den Kopf. Der Raum ist kühl, und das Licht reflektiert auf den weißen Wänden, während der Unternehmer seine Gedanken formuliert. Mit jedem Wort wird klarer, dass er von der Politik enttäuscht ist. „Wir haben hier einen gewissen Gestaltungsspielraum, aber das, was uns als Unterstützung verkauft wird, gleicht eher einem Tropfen auf den heißen Stein.“ Er lehnt sich zurück, die Schultern etwas schwerer als gewöhnlich. „Die Ersparnisse, die wir durch die Anreize erzielen könnten, reichen nicht einmal für unsere Weihnachtsfeier – und das ist kein Scherz.“
In den Gängen seiner Fabrik spürt man die Anspannung. Maschinen dröhnen, während Beschäftigte an ihren Arbeitsplätzen montieren, Schrauben anziehen und Geräte testen. Neyen weiß, dass hinter jedem dieser Geräusche ein Gesicht, eine Familie und vor allem: Verantwortung steht. „Wir sind nicht nur ein Unternehmen, wir sind Teil einer Gemeinschaft. Aber was die Politik uns anbietet, ist kaum mehr als Symbolik.“ Er wirft einen Blick auf den Kalender, die knappen Wochen bis Weihnachten sind eine ständige Erinnerung an das, was auf dem Spiel steht.
Das Wachstumspaket, laut Bundeswirtschaftsministerium ein maßgeblicher Schritt zur Stützung der Wirtschaft, wird von vielen Unternehmern als unzureichend wahrgenommen. „Das Paket ist aufgebläht mit wohlklingenden Begriffen, doch die Substanz, die dahintersteckt, ist fraglich. Welche Maßnahmen können wir denn tatsächlich umsetzen?“, fragt Neyen rhetorisch. Für ihn bedeuten die finanziellen Entlastungen, die theoretisch kommen sollen, erst einmal nur unnötige Bürokratie und Zeitverlust. „Wir brauchen eine klare Linie, Vertrauen in die Entscheidungen, die sinnvoll sind. Was wir nicht brauchen, sind ständige Geplänkel zur Weihnachtszeit.“
Die kurz bevorstehenden Feiertage tragen zur gespannten Atmosphäre in der Firma bei. Der große Tisch in der Kantine, der normalerweise für die jährliche Weihnachtsfeier geschmückt wird, steht leer. „Es gibt kein Geld für eine Feier“, murmelt eine der Angestellten, während sie ihrem Kollegen über die Schultern schaut. Ein trauriges Lächeln huscht über das Gesicht des Mitarbeiters, während er ein Stück Kartoffelsalat auf seinem Teller dreht. „Es ist nicht nur das Feiern, es ist das Gefühl, dass wir uns etwas leisten können; eine Art von Dankbarkeit an das Team.“
In den Gesprächen fliegt das Wort „Wachstum“ oft durch den Raum, doch hinter der Fassade zeigt sich eine tiefere, angstvolle Frage: Wie kann Wachstum gedeihen, wenn die Unterstützung fehlt? Andreas Neyen hat das Gefühl, dass es in den politischen Entscheidungsgängen an Verständnis für die Bedürfnisse der Unternehmer mangelt. „Man spreche nicht nur über die großen Konzerne, sondern auch über uns, die Rückgrat von Deutschland. Wir brauchen nicht nur warme Worte, sondern klare Maßnahmen.“
Als er aufsteht, geht er durch die Kletterrouten seiner Werkstatt, beobachtet, wie seine Mitarbeiter mit Hingabe arbeiten. Ihre Gesichter strahlen Engagement aus, doch die Risse in der optimistischen Miene sind nicht zu übersehen. „Das Paket mag gut gemeint sein, aber in der Realität Dagegenüber stehen wir oft allein. Die Hürden, die wir bewältigen müssen, sind nicht kleiner geworden. Sie haben nur einen anderen Namen bekommen“, sagt Neyen.
Die Frage, wie man der Gemeinschaft etwas zurückgeben kann und gleichzeitig selbst im Rennen bleibt, wird immer schwieriger. „Manch einer mag denken, das Wachstumspaket löse alles, doch wir unternehmerisch denkenden Menschen wissen, dass es viel mehr dazu braucht, um die Räder wieder ins Laufen zu bringen.“
So bleibt der Nachmittag in Neyens Büro von einer Mischung aus Hoffnung und Skepsis erfüllt. Der Drucker bleibt weiter im Hintergrund aktiv, während er seine Gedanken schweifen lässt. „Wir sind hier, wir arbeiten und schaffen, doch wir brauchen auch das Gefühl, dass wir nicht nur Zahlen auf dem Papier sind. Wir sind Menschen, und das sollte die Komplexität des wirtschaftlichen Lebens beeinflussen.“
Während die Lichter der Stadt abends angehen, bleibt Potsdam nicht nur der Ort des Aufbruchs, sondern wird auch zum Symbol für die Fragen, die noch nicht beantwortet sind. Ein Wachstumspaket, das mehr in den Schatten als ins Sonnenlicht gedämmt wird, lässt uns alle innehalten und die Fragilität unseres Tuns hinterfragen. Andreas Neyen und seine Mitarbeiter wissen das – und mit ihnen viele andere in derselben Situation.