Sommer 2025: Das Fernsehjahr ohne Knalleffekt
Der Blick aufs TV-Programm im Hochsommer gleicht derzeit einem Blick in einen leeren Raum. Da sind sie wieder, die Klagen: „Es gibt gerade nichts, was wirklich fesselt“, hört man von allen Seiten. Die große gemeinsame Serie, die kulturelle Großwetterlage, der Show-Hype, der alle quasi im Gleichklang bewegt – sie fehlt. Noch eine weitere Saison ohne den „HBO-Sonntag“, diesen alten institutionellen Fixpunkt, den man gerne totgesagt hat, aber dessen Abwesenheit nun schmerzt. Und ja, ich gebe es zu: Mir war die neue, historische Sopranos-Variation „The Gilded Age“ auch eher egal. Die Tristesse der New Yorker Hausfrauen und die Rätsel um die Robber Barons, das sind eben keine Stoffe, die an den Strand gehören.
Aber warum fühlt sich der vierteljährliche Stream-Overkill – mit seinen vermeintlich 500 neuen Serien, die uns zu jederzeit zur Verfügung stehen – so karg an wie eine Sommerferienwiese? Vor zwanzig Jahren surrte zumindest in der großen TV-Nische „The Closer“ durch den absurden Sommer wie eine willkommene Ablenkung, damals noch der gemütliche Procedural, den niemand verteufelte. Heute starten die großen Serien oft zur Unzeit: Das penultimate, fast schon hoffnungslos aufgeladene Staffel-Finale von „Game of Thrones“ fiel auf Juli, letztes Jahr folgte das Prequel „House of the Dragon“ bereits im Juni. Ebenjenes „The Bear“ lieferte immer dann seinen weißen Trüffel der Streaming-Saison, wenn die Sonne draußen schien. Doch sonst? Sommer 2025 fühlt sich an wie ein Echo der späten 2000er – kahl und leer.
Vielleicht liegt es auch an einer gewissen Ermüdung, denn tatsächlich gab es eine neue Staffel von „The Bear“ – aber über eine Serie, die wir schon zu oft gesehen haben, zu reden, hebt sich für einen anderen Tag auf. Wenigstens AppleTV+ hat das Sommerloch scheibchenweise mit einer neuen Serie namens „Smoke“ ausgefüllt. Und ja, ich weiß: Der Name klingt hauchdünn, unfassbar unspektakulär. Doch gerade in einer Zeit, in der sich die beste Unterhaltung oft hinter großen Namen und kleinen Versprechen versteckt, ist es genau das, was reizt.
AppleTV+ fühlt sich an, als hätte es Showtimes alte Rolle übernommen: ein subtiler Spiegel von HBO, ein Blick in die andere Richtung. So tun die Serien zwar alles, um als Prestigeproduktionen durchzugehen – mit Starbesetzungen und Anspruch –, doch oft bleibt der Geschmack nur mittelhochklassig. „Severance“ ist da eine glanzvolle Ausnahme, endlich mal eine Serie, die einen mit scharfem Blick für Details und packenden Ideen fesselt. „The Morning Show“ ist fast schon ein bizarrer Sonderfall, eine Mischung aus Mediensatire und emotionalem Brei, der seltsam gut funktioniert. Meistens aber fühlt sich das Apple-Programm „hochwertig mittelmäßig“ an – ein elegant gestalteter Snack, der weder reizt noch wirklich aufregt.
„Smoke“, eine Miniserie dieses Hauses, schlägt hier einen mittleren Ton an. Dennis Lehane, der große Name im Crime-Genre, ist mit an Bord. Die Geschichte um eine überambitionierte Polizistin (Jurnee Smollett, in einer lebendigen, alles andere als eindimensionalen Rolle) und einen stoischen Brandermittler (Taron Egerton) auf der Jagd nach zwei Serienbrandstiftern klingt zunächst erfrischend prägnant. Brandstiftung – wer denkt heute noch an solche Verbrechen, wenn es nicht gerade um Netflix-Blockbuster geht? Doch gerade in den ersten Folgen sind die Klischees so dick aufgetragen, man könnte meinen, man schaue eine „Saturday Night Live“-Parodie auf „Zodiac“.
Ich setzte „Smoke“ trotzdem auf meine Liste, nicht zuletzt dank der Empfehlung von Alan Sepinwall, einem der scharfsinnigsten TV-Kritiker unserer Zeit, der ein nicht geringer Tamagotchi verwandeltes Versprechen auf eine spannende Wendung gab. Und tatsächlich: Ab Folge drei werden die Dinge unheimlich, die Handlung gerät außer Kontrolle, die Figuren wirken trotz aller Füllsel lebendig. Smollett wabert elegant durch tausend Archetypen der „Tough Female Cop“, fast so, als spiele sie mit uns Katz-und-Maus. Und so ruppig sie ihre Macht ausübt, so brisant bleibt das Potenzial, das sich daraus spinnt. Taron Egerton ist der milde Gegenpol, ein gutmütiger Mann mit einer Last auf den Schultern, der nach den Thriller-Rollen im Herbst seinen Platz in dieser Serie findet, ohne sich selbst zu verlieren. Und dann ist da noch Ntare Guma Mbaho Mwine als einer der Brandstifter, ein leeres, düsteres Gesicht, banal-obskur, so authentisch gruselig, dass es sich einprägt.
In seiner Atmosphäre erinnert „Smoke“ eher an Gillian Flynn als an Lehane: harte Frauen, viel psychologische Dunkelheit, das Schleppen schwerer Geschichten in einer kleinen Stadt, durchzogen von einem dünnen Mantel von Geheimnissen und Gewalt. Apple hat mit seinem wöchentlichen Veröffentlichungsmodus das Publikum immer ein bisschen hinterherhinken lassen. Oft kommt der größere Hype erst spät. Joe Budden, ein bekennender AppleTV+ Fan, empfahl die Serie erst letzte Woche in seinem Podcast. Wäre das Ganze ein HBO-Event, würde man sich hier wohl schon längst zwischen „Mare of Easttown“ und „Sharp Objects“ herumtummeln, sich langweilen, um dann völlig gebannt hineinzutauchen.
In zwei Folgen wird sich zeigen, ob „Smoke“ diesem Anspruch gerecht wird oder in vorhersehbarem Mittelmaß versinkt. Sollte die Serie die Erwartungen nicht erfüllen, steht schon der nächste Hoffnungsträger bereit: Noah Hawley, der Herr der Neuinterpretationen, bringt „Alien: Earth“ auf FX – und der Starttermin liegt ebenfalls im Spätsommer. So oder so, wenn auch das nicht zündet, gibt es immer noch den guten alten Trost von „Mad Men“. Denn wie man es dreht und wendet: Manchmal ist es eben doch am schönsten, wenn man ein altbekanntes, vertrautes Serienzimmer aufsperrt – mit der sanften Melancholie eines längst vergangenen Fernsehsommers, der eigentlich keiner war.