Licht und Schatten: Der Blackout in Spanien
Es war ein ganz normaler Dienstag in Madrid, als die Stadt in der Dämmerung versank. Der Laadenbesitzer in der Calle de Atocha, der gerade dabei war, sein Sortiment zu arrangieren, bemerkte als Erster die plötzliche Stille. Keine Lichter aus den Fenstern der Nachbarläden, kein Geräusch der Tram, die sonst zuverlässig zu den vollen Minuten an der Haltestelle hielt. Im Nu ging ein Raunen durch die Straßen und ein verunsichertes Gesicht nach dem anderen wanderte über die Plazas, als das Licht langsam verschwand.
Rund 300.000 Haushalte waren betroffen, als in der Nacht des 30. Mai das Stromnetz unter dem Druck der Umstände zusammenbrach. Eine Kette von korrelierenden Fehlern, die in der spanischen Regierung jetzt untersucht werden. Die Assoziation aus wenig Regen und viel Wind – der durchnässte Frühling, die überstrapazierte Energiewirtschaft – ist eine Art Dark Horse, das so viele Unsicherheiten in der Gesellschaft und der Industrie hervorruft, dass es sich fast nicht mehr bändigen lässt.
Das Lächeln der Mitarbeiter im Kontrollzentrum von Red Eléctrica de España (REE) war an diesem Tag einer bedrückten Miene gewichen, als die ersten Berichte über den Blackout eintrafen. Ein kurzer Blick zwischen den Ingenieuren, das eine Eingeständnis, das der einzelne sich vor dem andern nicht nötig war, umso mehr in solchen Momenten. Es gilt, die Scherben zusammenzufegen.
Ein interner Bericht der spanischen Regierung legt jetzt den Finger auf die Wunde: Die Netzbetreiber und Energiekonzerne sind maßgeblich für den Vorfall verantwortlich. Die Ursache ist ein Zusammenspiel aus Technischem und Menschlichem. Der quasi-parasitische Einfluss der Energiegiganten auf die Infrastruktur hat eine kritische Masse erreicht.
Luis, ein Ingenieur bei REE, verweilte noch lange in den leeren Gängen des Kontrollzentrums, um Journalisten und Reportern die Möglichkeit zu geben, Fragen zu stellen. „Wie oft haben wir gewarnt?“, sagt er und lässt seinen Blick über die Anzeigetafeln schweifen. „Die Warnungen waren da, das systematische Versagen hat uns zu dem Punkt geführt, an dem wir uns heute befinden. Ist es nicht ironisch, dass wir uns mit der Frage konfrontiert sehen, ob wir die Technologie beherrschen, die wir selbst geschaffen haben?“
Er spricht von Überlastungen, von den unregelmäßigen Spitzen, die durch den plötzlichen Anstieg des Energiebedarfs entstehen, wenn die Menschen von der Arbeit kommen, ihre Fernseher anschalten, ihre Elektrogeräte benützen. Der Puls der Stadt wird durch Stromschwankungen unberechenbar.
Doch worauf gründet sich das Vertrauen der Bürger in diese Struktur? Die Versorgungsunternehmen, deren erklärtes Ziel es ist, die Versorgungssicherheit zu garantieren, sehen sich nun dem Vorwurf ausgesetzt, den aktuellen Herausforderungen der Energiewende nicht gewachsen zu sein. „Wir sind in der Pflicht, die gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen“, sagt das Gesicht eines der Unternehmen, doch die Skepsis bleibt. Rosarote Versprechungen in einer grauen Realität – wie lange kann dies gutgehen?
In den Cafés, wo Menschen um die Magnusplatte sitzen und ihren Kaffee genießen, fällt das Thema Blackout in die Gespräche wie ein Stein ins Wasser. Einige beschuldigen die Regierung, andere sehen die Konzerne in der Pflicht. Es gibt keine klare Linie, die zwischen Schuld und Unschuld zieht. Ignacio, ein Student, der gerade an seiner Dissertation über erneuerbare Energien arbeitet, sagt: „Es ist das System selbst, das wir reformieren müssen. Es kann nicht sein, dass ganze Städte im Dunkeln stehen, während wir an den Versprechungen der Zukunft festhalten.“
In den Randgebieten, wo das Internet schwächelt und die Kanten des urbanen Lebens einen raue Zeitgenossen formen, wird der Blackout zu einem solideren, greifbaren Schrecken. Pedro, der in einer kleinen Fischerstadt lebt, äußert seine Bedenken. „Die Menschen verlassen sich auf das Netz, genauso wird die Landwirtschaft abhängiger von elektrischer Energie. Der Blackout hat mehr gezeigt, was wegbrechen kann, als was wir haben. Das lässt mich ratlos zurück.“
Unmittelbar nach dem Vorfall schworen sich die Bürger, für Transparenz einzutreten. Die Regierung hat inzwischen selbst die Frage beantwortet: Ja, die Netzbetreiber haben an der Marge des Überlebens geforscht, doch der echte Test für die Gesellschaft ligt in der kollektiven Verantwortung – in der Art und Weise, wie sich alle Teile dem Ganzen fügen, egal ob Bürger, Unternehmen oder Politik.
In einem verregneten Park, in dem die Bäume die frische Luft kaum halten können, stapeln sich die Gedanken und Fragen: Wie gehen wir um mit Energie und Verantwortung? Wo müssen wir anpacken, damit so etwas nicht wieder passiert? Ein Stromausfall mag möglicherweise nur ein kurzer Zwischenfall in der langen Geschichte Spaniens sein, doch die Scherben, die er hinterlässt, werden noch lange prägend sein. в