Milan, ein schwüler Freitagnachmittag im April, irgendwo zwischen den ehrwürdigen Gassen des Modeviertels und den hell erleuchteten Showrooms, in denen Stoffe und Gespräche gleichermaßen glänzen. Hier, mitten im geschäftigen Puls der Stadt, stehen zwei Männer und lachen – über Hate Mail. Christopher Nying und Jockum Hallin, die Gründer von Our Legacy, in einem Moment, der fast absurd anmutet: Die beiden halten ein altes, bedrucktes T-Shirt hoch, das tatsächlich echte Briefe eines wütenden Fans zeigt. „You are sellouts“, „You fucked up assholes“, prangt es unschön plakativ als Muster auf dem Stoff. Der kreative Director und sein Geschäftspartner blicken wieder und wieder auf die Erinnerung, ein bisschen nostalgisch, ein bisschen amüsiert, und fragen sich: Was hatten wir bloß angestellt, um diese Briefe zu verdienen? Vielleicht der Stüssy-Drop, vermutet Nying. Oder war es der Moment, bevor der Luxuskonzern LVMH über seine Venture-Einheit einstieg und das Label in neue Höhen entführte? „Also eigentlich noch vor dem richtigen Sellout“, lacht Nying.
Zweimal zwanzig Jahre sind seit der Gründung von Our Legacy vergangen. Aus einem kühnen Start mit simplen T-Shirts hat sich mittlerweile eine der ungewöhnlichsten Erfolgsgeschichten des zeitgenössischen Herrenschneiderns entwickelt. Was als experimenteller Blick auf tragbare Kleidung begann, hat sich zu einer Handschrift gewandelt, die zwischen Understatement und avantgardistischer Raffinesse pendelt. Lieber das Unfertige im Rohzustand zeigen, als das Polierte der konventionellen Schönheit. Und jetzt, zum zwanzigjährigen Jubiläum, wagen die Schweden etwas Seltenes: Statt die wohlbekannten Klassiker nochmal aufzulegen oder in einer Art Greatest-Hits-Compilation zu feiern, benutzen sie das Jubiläum als Einladung ins Archiv – eine Rückkehr zu B-Seiten, zu Textilien, die einst auf der Strecke blieben, zu ausgefallenen Silhouetten und Lieblingen aus den Reihen ihrer eigenen Mitarbeiter.
Gemeinsam schlendert man durch den hellen Showroom in Mailand. Ein Ort, in dem Kunst und Mode nicht nur nebeneinander existieren, sondern sich gegenseitig beflügeln. Ein Paar spitz zulaufende Cowboy-Stiefel zieht die Blicke auf sich. „Das war mal eine Art Space-Cowboy-Kollektion,“ berichtet Hallin mit einem Grinsen, das von Verrücktheit kündet, von einem Spiel mit Stilen, das sich nicht allzu ernst nahm und dennoch nachhallt. Nying hingegen zückt einen hauchzarten Mantel aus Seiden-Cupro mit einer gewachsten, leicht zerknitterten Oberfläche. „Den wollten wir vor zehn Jahren machen, damals hat das aber gar nicht funktioniert. Heute können wir’s.“ Das getragene Finish gibt dem Stück eine Aura, die sich zwischen High-End und unauffälliger Coolness bewegt – wie ein gut gehütetes Geheimnis.
Dann dieser eine Krawattenentwurf, der fast wie ein Relikt aus einer anderen Zeit wirkt: Ein schattenhaftes, airbrushartig aufgetragenes Skelett mit Flügeln, das eher an den Look einer Death-Metal-Band erinnert als an die nüchterne Welt der Herrenkonfektion. „Das war das erste Motiv in unserer allerersten Kollektion 2005“, erinnert sich Nying. Ein blasser Schimmer von Ironie schwingt in seiner Stimme mit, als er sich selbst korrigiert: „Ich dachte damals, Our Legacy sei ein guter Name. Aber vielleicht hätte Archangel noch besser gepasst.“ Archangel? Ein Name für ein Projekt mit Rocker-Attitüde, für eine Marke mit kantigen Ecken – sicher keine simple Etikettierung für den oberen Mittelschichts-Mantelmarkt, den Our Legacy heute bedient.
Die Geschichte von Our Legacy ist auch eine Geschichte von Ortswechseln. Vor der Pandemie präsentierte sich das Label aus der Mode- und Kulturmetropole Paris – jetzt hat man sich entschlossen, in Mailand Fuß zu fassen. Ein mutiger Schritt, so selten wie ein gutes Vintage-Motorrad im Stadtverkehr. Dabei geht es nicht nur um Räume und Tageslicht, sondern um ein anderes Lebensgefühl, andere Rhythmen des Modegeschäfts. „Wir wollten etwas Neues ausprobieren“, erklärt Hallin. „In Mailand sind wir eine der ersten Kollektionen, die die Käufer zu sehen bekommen. Sie kommen ausgeruht, mit frischen Blicken und guter Energie.“ Ein Neustart in einer Stadt, die wie geschaffen ist für Modesinn und -neugier.
Diese Erzählung, die sich zwischen Ironie und großer Ernsthaftigkeit bewegt, erzählt vom Risiko, das es bedeutet, nicht die abgekürzte, sondern die lange, verschlungene Route zu wählen. Von dem Mut, sein eigenes Vermächtnis zu hinterfragen und sich nicht in nostalgischen Selbstbeweihräucherungen zu verlieren. Christopher Nying und Jockum Hallin stehen für eine Generation von Designern, die mit einer gewissen Leichtigkeit zwischen Konzept und Kommerz navigieren und dabei ihren kleinen rebellischen Funken bewahren. An einem heißen Nachmittag in Mailand, umgeben von Schatten alter Sieger und den leisen Geschichten der Kleidungsstücke, wirkt es fast wie ein Versprechen: Heute wird nicht verkauft, heute wird gelebt – auf dem schmalen Grat zwischen Geschichte und Zukunft.