In einem abgelegenen Dorf im Süden Pakistans sitzt Ahmed* in seinem einfachen Sessel und starrt auf den flimmernden Bildschirm seines alten Fernsehers. Die Schlagzeilen berichten von neuer Gewalt im Osten Europas, während im Nahen Osten die Spannungen weiter eskalieren. Ahmed, ein pensionierter Lehrer, hat die Nachrichten längst nicht mehr nur als Ferngucker verfolgt – sie berühren ihn auf einer Ebene, die er kaum für möglich gehalten hätte.
„Früher waren wir stolz auf das, was wir hatten“, sagt er und meint nicht etwa sein Haus oder seinen kleinen Laden, sondern das nukleare Arsenal, das sein Land seit Jahrzehnten besitzt. „Jetzt fühlt es sich eher an wie ein Fluch.“ Sein Blick wandert zu einer verknitterten Zeitung auf dem Tisch, die einen Artikel über die jüngsten Entwicklungen in der Ukraine zeigt. Waffen, Streit und die Frage, wer sich noch auf wen verlassen kann – all das wirkt plötzlich so nah, so global und doch so persönlich.
Die Welt scheint aus den Fugen zu geraten. Der Krieg in der Ukraine, der von vielen zunächst als weit entfernt eingestuft wurde, hat mehr als nur die Karten Europas neu gemischt. Er hat Zweifel gesät – Zweifel an Bündnissen, an Friedensversprechen und vor allem an der Rolle der Großmächte, insbesondere der USA. „Wenn sogar Amerika nicht garantieren kann, dass es jeden Verbündeten schützt, worauf sollen wir dann bauen?“, hört man oft in diplomatischen Kreisen, aber auch auf den Straßen von Städten wie Teheran, Neu-Delhi oder Pretoria.
Und dann gibt es noch den Schatten, der über dem Iran liegt. Jahrzehntelange Spannungen, geheimnisumwitterte Nuklearprogramme, Sanktionen und Drohungen, die wie Blitze am Himmel zucken. Die Frage nach einem eigenen nuklearen Arsenal dringt aus dem Netzwerk der geopolitischen Diskussionen in die Köpfe jener, die bislang geglaubt hatten, dass Abschreckung eine Angelegenheit der großen Weltmächte bliebe.
In der Hauptstadt eines afrikanischen Landes, das lange Zeit auf internationale Hilfe und den Schutz durch andere Mächte setzte, zeichnet sich eine neue Denkweise ab. Fatima*, eine junge Politologin, spricht offen darüber, wie die Wahrnehmung der globalen Sicherheit sich verändert hat: „Wir haben gesehen, wie schnell Frieden zerbrechen kann. Wenn Länder, die sich jahrzehntelang auf internationale Abkommen und Bündnisse verlassen haben, plötzlich ins Wanken geraten, dann fragt man sich, ob man nicht selbst die Verantwortung übernehmen muss.“
Hinter diesen Überlegungen stehen weit mehr als nur Machtspielchen. Es geht um das alltägliche Leben der Menschen – um Sicherheit, Angst und überlebenswichtige Entscheidungen. Nehmen wir die Geschichte von Leila*, einer Ärztin aus Teheran, die täglich mit Patienten konfrontiert ist, deren Leben durch wirtschaftliche Unsicherheiten und politische Instabilität bedroht sind. „Der Krieg ist kein ferner Begriff mehr“, sagt sie. „Er ist in unseren Gedanken, unseren Gesprächen, in der ständigen Sorge, wie es weitergeht.“
Der Wunsch nach einem eigenen nuklearen Schutzschild ist auch ein Spiegelbild tieferer gesellschaftlicher Ängste. Es ist nicht nur Technologie, sondern ein Symbol für Eigenständigkeit in einer Welt, in der Macht oft über das Recht regiert. Länder, die jahrzehntelang im Schatten größerer Mächte standen, suchen nach Mitteln, ihre Souveränität zu behaupten. Die Kosten sind hoch, das Risiko enorm – doch der Gedanke, sich auf andere zu verlassen, erscheint manchen heute naiv.
In diplomatischen Kreisen wird diese Entwicklung mit wachsender Besorgnis beobachtet. Experten warnen vor einer neuen Rüstungsspirale, vor destabilisierten Regionen, deren konfliktreiches Potenzial sich vervielfachen könnte. Doch zugleich gibt es ein leises Verständnis für den Wunsch nach Selbstschutz: Wer würde nicht nach einem sicheren Hafen suchen, wenn das Meer um einen herum immer stürmischer wird?
Zurück bei Ahmed in Pakistan hat sich die abendliche Ruhe schon über das Dorf gelegt. Die jüngsten Nachrichten wirken noch nach, während im Hintergrund das Rufen eines Muezzins in der Dämmerung erklingt. Er denkt an seine Enkelkinder, an eine Zukunft, in der sie hoffentlich nicht in denselben Schwebezuständen leben müssen, die ihn und andere gegenwärtig umtreiben.
Dieser Wunsch nach Sicherheit, vor allem nach einer Sicherheit, die nicht von anderen abhängt, ist universell. Und doch birgt er eine paradoxe Wahrheit: Zu oft führt der Versuch, sich abzusichern, erst zu der Unsicherheit, vor der man sich schützen möchte. In einer Zeit, in der alte Bündnisse ins Wanken geraten und neue Risiken entstehen, bleibt die Frage bestehen, ob Nuklearwaffen letztlich das letzte Bollwerk oder der erste Schritt in eine noch unsicherere Zukunft sind.
* Namen geändert.