In den weitläufigen Hallen von Wolfsburg, wo der Klang der Maschinen und der unmistakbare Geruch von frischem Lack unverkennbar sind, bahnt sich ein Paukenschlag an, der nicht nur die Führungsriege von Volkswagen, sondern auch die Automobilindustrie insgesamt aufschrecken könnte. Die Geschäftsführung blickt abwechselnd besorgt und erwartungsvoll auf den kommenden März, wenn der Vertrag des amtierenden Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Dieter Pötsch ausläuft. Hinter den Kulissen haben sich bereits erste Schatten von Nachfolgern geworfen, und unter den Fittichen des einflussreichen Porsche-Piechs-Klans drängt ein Mann, der sich vielleicht bald in den Mittelpunkt der Macht rücken könnte: Berndt Doess.
Doess, ein Mensch von unaufgeregtem Auftreten, hat sich in den vergangenen Monaten als ein gerissener Stratege hervorgetan und könnte mit seinen prägenden Erfahrungen aus der Automobilbranche eine neue Richtung für VW einschlagen. Die Frage, die alle bewegt, ist nicht nur, ob Doess tatsächlich Pötschs Nachfolger wird, sondern auch, welche Vision er für einen der größten Automobilhersteller der Welt mitbringt.
Um diesen Einflusskampf zu verstehen, muss man einen Blick auf die vermächtnisreiche Geschichte der Porsche- und Piech-Familien werfen. Diese Dynastie ist nicht nur für ihren scharfen Verstand in der Technik, sondern auch für ihren unermüdlichen Einfluss auf die Geschicke des Unternehmens bekannt. Pötsch, der 2015 nach dem Abgasskandal in das Amt berufen wurde, war Teil einer Wende. Die Frage bleibt, ob Doess, der aus der zweiten Reihe kommt und bei Käufern und der Öffentlichkeit nur wenig bekannt ist, tatsächlich einen frischen Wind mitbringen kann oder ob er den alten Strukturen des Großunternehmens anheimfallen wird.
Bei einem Besuch im Hauptsitz von Volkswagen an einem stimmungsvollen, kühlen Herbstmorgen, durchquert der Besucher lichtdurchflutete Flure, vorbei an riesigen Displays, die die neuesten Fahrzeuge sowie die ehrgeizigen Elektropläne des Konzerns zeigen. An den Wänden hängen nostalgische Fotos von vergangenen Modellen – dem Golf, dem Käfer – ein Echo einer glorreichen Vergangenheit, die zukünftige Schlachten um Marktanteile jedoch nur bedingt beruhigen kann. In diesen Hallen wird die Unsicherheit spürbar; das oft malerische Bild des Automobils als unproblematisches Fortbewegungsmittel wird von einem drückenden Gefühl der Veränderung überschattet.
In den Kantinen treffen sich Ingenieure und Manager. Gespräche über die neuesten Innovationen wechseln sich ab mit Spekulationen über Doess. „Er ist kein Blender, eher ein Macher. Ich meine, er könnte wirklich frischen Wind bringen“, sagt einer der Ingenieure, während sich sein Kollege vor dem Rücken vernehmlich einhakt: „Aber kann er das Monster VW tatsächlich zähmen?“. Ein Schmunzeln huscht über sein Gesicht, als er auf die massiven Strukturen anspielt, die an den alten Traditionen der Marken hängen.
Doess’ beruflicher Werdegang ist ebenso vielschichtig wie seine Persönlichkeit. Als er die Berichte seiner ersten Monate im Unternehmen durchlebt, war es nicht die feierlich inszenierte Show, die aus dem Katalog der üblichen Corporate-Kommunikation entstammte, die ihn prägte, sondern die Detailverliebtheit in der Produktentwicklung sowie das drängende Gefühl der Aufbruchsstimmung. Der Ingenieur, der das Treiben in Wolfsburg genau beobachtet, sieht in Doess die Fähigkeiten, über den Tellerrand hinauszuschauen und revolutionäre Ideen zu kanalisieren, auch wenn viele in der Hierarchie des Unternehmens ungern von Überänderungen sprechen.
Doch Wandel ist oft ein schleichender Prozess. Der Aufsichtsratsvorsitzende muss in der Lage sein, mit dem Druck am Markt und den ambivalenten Erwartungen sowohl von der börsennotierten Öffentlichkeit als auch von den fest im Sattel sitzenden Familienunternehmen umzugehen. „Doess hat den Vorteil, dass er sich nicht nur mit den technische Aspekten von Autos auskennt, sondern auch mit den Haaren einer Konzernpolitik, die manchmal die Art eines Schachspiels hat“, sagt ein Insider, der die Schwelle von den Werkshallen ins Bürogebäude kennt, das oft wie ein Labyrinth wirkt.
Der Daimler- und BMW-Konzern beobachten den Volkswagen-Bereich mit Argusaugen. Auch die neugewählten Aufsichtsratsmitglieder sind noch unbeschriebenes Blatt in diesem Spiel. Auf den Gängen und in den Cafeterien wird gemunkelt, ob Doess in der Lage sein wird, nicht nur die Fäden zu den Hauptaktionären zu ziehen, sondern auch das Verhältnis zu den Beschäftigten zu festigen. Die starren Hierarchien, die VW im 21. Jahrhundert geprägt haben, sind gleichzeitig seine größte Herausforderung und seine unverkennbare Stärke.
In den Nächten, wenn die Lichter in den Büros gedämpft sind und nur der Klang von Tastaturen und das gelegentliche Zischen einer Kaffeemaschine durch die Flure hallt, sitzt Doess möglicherweise schon an den Entwürfen für künftige Modelle und Strategien, die VW in neue Dimensionen führen könnte. Während die Welt nach neuen Lösungen für Mobilität verlangt, wird der Aufsichtsrat mehr denn je zu einer Arena, in der Ideen nicht nur geboren, sondern auch erstickt werden können. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt – für die Marke, den Menschen und die Vielfalt der Möglichkeiten, die sich auftun können.
Wie kann ein Mann, der für seinen belgischen Pragmatismus und den Drang zur Innovation bekannt ist, sich gegen die Gezeiten der Geschichte, die das Unternehmen präg(t)en?, Wer wird den Mut aufbringen, das Schicksal und die Traditionen des Automobilgiganten in neue Bahnen zu lenken, und wer wird sich anmaßend gegen die unsichtbaren Wellen der Familientradition stemmen? Diese Fragen stehen nicht nur für Doess, sondern auch für Volkswagen und seine Zukunft im Raum.