Die Stille im Schatten des Krieges: Die Milizen im Iran-Umfeld schweigen – und was das bedeutet
Die Sonne war gerade hinter den kargen Hügeln von Täbris untergegangen, als ich das kleine Café am Stadtrand betrat. Hier, zwischen dampfenden Teegläsern und dem Duft von frischem Brot, saßen Männer mittleren Alters, die ihre Blicke nicht von den flimmernden Nachrichten auf dem alten Fernseher abwenden konnten. Der Krieg zwischen Israel und dem Iran-seitig unterstützten Akteuren schien für sie weit weg – und dennoch unentrinnbar präsent. Ein Mann, der sich als Hossein vorstellte, sprach fast beiläufig über „die stille Front“, die sein Land derzeit prägt. „Unsere Freunde in Syrien, im Libanon, im Irak“, sagte er, „sie sind aktiv – aber hier, bei uns, sind wir ruhig.“
Diese Ruhe wirkt auf den ersten Blick paradox. Denn obwohl der Iran kaum einen Hehl daraus macht, dass er erzmilitärische Gruppen im Nahen Osten unterstützt, sind ebendiese Milizen in dem aktuellen Konflikt zwischen Israel und der iranischen Führung auffällig zurückhaltend geblieben. Keine Massenmobilisierung, keine neuen Fronten, keine deutlichen Kampfhandlungen, die direkt auf ihren Einfluss zurückzuführen sind. Wie passt das zusammen?
Der erste Schritt zur Antwort liegt in der Tatsache, dass das iranische Regime seine regionalen Verbündeten nicht als eine Einheit betrachtet, sondern als ein komplexes Netzwerk mit eigenen Interessen und Strategien. Die Hisbollah im Libanon, die Volksmobilisierungseinheiten in Irak oder die Houthis im Jemen – sie alle sind variabel gebunden, teils ausgestattet und beraten vom Iran, aber keine Marionetten ohne eigenen Kopf. In den letzten Wochen hat sich gezeigt, dass sich diese Gruppen zurückhalten. Ihre Waffen schweigen, ihre Propagandakanäle toten durch eine eigentümliche Stille, die in der sonst den Krieg gierig konsumierenden Region fast gespenstisch wirkt.
Einige Beobachter deuten die Zurückhaltung als vorsichtigen Pragmatismus. Ein Mann, der für eine unabhängige Denkfabrik in Beirut arbeitet und keinen Namen nennen möchte, beschreibt die Lage so: „Diese Gruppen wissen um die Möglichkeit eines großen Kriegsbrandes, der ihre Länder zerschlägt. Sie sind keine Selbstmordkommandos.“ Die strategische Zurückhaltung, so das Argument, sei eine Art Selbstschutz, ein Kalkül, um die eigenen Territorien und die lokalen Bevölkerungen zu schonen.
Doch es ist nicht nur eine Frage der Strategie, sondern auch der gesellschaftlichen Lagerung. Die Milizen verankern sich tief in ihren Gemeinschaften, sind vielfach Teil des sozialen Gefüges, der politischen Landschaft, ja fast der Identität. Bei einem Treffen mit einem Jugendaktivisten in Bagdad, der die Volksmobilisierungseinheiten kritisch sieht, sprach dieser von einer „Zweigleisigkeit“: „Unsere Straßen, unsere Städte leiden. Die Milizen sind bewaffnet, aber sie kämpfen nicht immer für uns.“ Seine Worte zeugen von einer ambivalenten Haltung in der Gesellschaft: Einerseits gibt es Angst vor einem Ausbruch größeren Krieges, andererseits Unmut über den Einfluss der Milizen auf das alltägliche Leben.
Über den umkämpften Küstenstreifen in Gaza hinweg, im vermeintlichen Schatten der Schlagzeilen, zeichnet sich somit ein anderes Bild: Das einer Region, die in einem von außen kaum sichtbaren Spannungsverhältnis lebt. Einer Region, in der die Milizen – unterstützt und doch eigenständig – gegen den Wunsch nach Eskalation anzusteuern scheinen, selbst wenn der Druck aus Teheran wächst. Vielleicht ist es auch ein Zeichen für wachsende Differenzen innerhalb des iranischen Einflussnetzwerks selbst. Manche sagen, die Führung in Teheran will durch ihre Verbündeten Signale an den Westen schicken, andere vermuten interne Machtkämpfe, in denen sich die Milizen zurückhalten, um nicht im nächsten geopolitischen Sturm zu ertrinken.
Die Zurückhaltung der Milizen ruft dennoch Fragen hervor, die weit über militärische Taktiken hinausgehen. Sie reflektiert tieferliegende Dynamiken des Nahen Ostens, in denen lokale Bedürfnisse, historische Traumata und das fragile Geflecht aus Macht und Überleben miteinander kollidieren. Das Schweigen ist für viele eine Stimme – eine der Vorsicht, des Nachdenkens, vielleicht sogar ein verzweifelter Versuch, im Wirbelwind der Geopolitik das eigene Stück Heimat zu bewahren.
So mag es sein, dass uns dieser Krieg neue Fronten zeigt. Doch im Hintergrund, in den verschlungenen Gassen und den stillen Cafés von Täbris, Bagdad und Beirut, sprechen die Milizen eine andere Sprache. Sie schweigen nicht aus Schwäche, sondern aus Kalkül. Und in diesem Schweigen liegt oft mehr, als wir auf den ersten Blick hören wollen.