In der stickigen Luft von Juba, der Hauptstadt Südsudans, hängt ein Gefühl von Verzweiflung und Misstrauen – und ein Schatten, der ein wenig Hoffnung zu verschlingen droht. Vor einem improvisierten Lager, wo normalerweise Hilfsgüter auf ihre Verteilung warten, herrscht Chaos. Männer in Uniformen, schwer bewaffnet, drängen sich ins Bild, raffen Taschen voller Reis und Öl zusammen, während flüchtende Familien voller Erwartung im Staub sitzen.
Es sind keine organisierte Verbrecherbanden, die hier das Rad der Not drehen. Es sind Teile von Sicherheitskräften oder Milizen, die in einem Staat agieren, dessen Ordnungssystem längst zerbrochen scheint. Der humanitäre Konvoi, eigentlich ein Bollwerk gegen Hunger und Krankheit, verwandelt sich in diesem Moment in ein Schlachtfeld um Lebensmittelsäcke.
In den letzten Wochen hat sich diese Szene wiederholt – auf Straßen, die zu viel zu lange ohne funktionierendes Rechtssystem auskommen müssen. Die Zollstationen an den Grenzen sind ineffizient, korrumpiert oder gar von bewaffneten Gruppierungen besetzt. Im Niemandsland zwischen Versorgung und Bedürftigkeit zerfließt Hoffnung in die Hände von denen, die nicht seltener selbst Opfer dieser Lage sind.
„Wir kommen mit Essen, wir bringen Wasser. Doch manchmal ist es unmöglich, die Hilfe dort zu lassen, wo sie gebraucht wird“, sagt Peter, ein Helfer einer international tätigen NGO, dessen Gesicht nicht preisgegeben werden soll, weil die Angst, er könne ins Visier geraten, mit jedem Tag wächst. Er berichtet von Hilfslieferungen, die entsprechend der offiziellen Dokumente sicher erscheinen, doch in Wirklichkeit eine lebensfeindliche Grauzone passieren. Ein Lastwagen, gefüllt mit getrockneten Bohnen, wird entladen – statt in Dörfern wird es in den Basaren von Juba gehandelt, während die Kleinkinder in einer nahegelegenen Siedlung laut vor Hunger weinen.
Die Organisationen stehen zwischen zwei Fronten. Einerseits versuchen sie, ihren Grundauftrag zu erfüllen – Menschenleben zu retten. Andererseits müssen sie mit misstrauischen lokalen Akteuren verhandeln, die Exklusivrechte an den Ressourcen erpressen wollen. Die Sprache des Schmiergelds ist in diesen Straßen lauter als die der humanitären Prinzipien.
Anna, eine Krankenschwester aus Deutschland, die seit drei Jahren im Land arbeitet, erzählt von den Krankenhäusern, die ohne Medikamente bleiben, weil Wagen voller Hilfsgüter nie dort ankommen, „wo die Fiebernden liegen“. Sie berichtet auch von den stillen Blicken der Dorfbewohner, die längst gelernt haben, dass Hoffnung ein fragiles Gut ist. „Sie fragen mich: ‚Warum schicken sie uns Essen, wenn es uns doch nie erreicht?‘“, sagt Anna und schüttelt resigniert den Kopf.
Inmitten dieses Geflechts aus Misstrauen, Gewalt und Zerfall wird die Frage nach Verantwortung abstrakt. Wer trägt Schuld, wenn eine bürokratische Schieflage und politische Machtkämpfe Leben kosten? Die Regierung? Die militanten Gruppen? Oder vielleicht auch die internationale Gemeinschaft, die versucht, mit Geld und Material ein Leck zuzuhalten, das seit Jahren immer weiter klafft?
Die Straßenmärkte blühen auf mit gestohlenen Hilfsgütern. Für den hungrigen Vater, der im Schatten einer Mauer seine kleinen Kinder drückt, heißt das erschwingliches Brot – zu einem Preis, den nicht jeder zahlen kann. Für den Kriminellen aber ein Geschäft. Und für die Helfer ein klares Signal, dass der Staat als Garant für Recht und Ordnung in diesem Land kaum mehr als eine leere Idee ist.
Morgens in Juba, wenn das erste Licht das Flimmern über den Containern glitzert, kommt die nächste Lieferung. Doch das Bild vom letzten Überfall sitzt tief. Die Helfer sprechen kaum noch offen über den Dienst, der oft an Machtspielen zerbricht. Ihre Heldenreise endet hier, in einem Land, wo Humanität nicht mehr paranoides Ideal, sondern zerbrechliches Objekt eines alltäglichen Ringens ist.
Vor den Türen der Dörfer, die das Khalifat der Gewalt noch nicht betreten hat, warten Kinder mit großen Augen und leerem Magen. Sie ahnen, dass etwas auf dem Weg zu ihnen verloren geht. Vielleicht jene Gaben, die aus fernen Ländern geschickt wurden, um einen Moment Ruhe zu bringen. Doch die Geschichte erzählt von der Umwandlung der Hilfe in Beute – und von einer Ordnung, die längst zerbrochen ist.