Die feine Kunst des Anziehens am berühmtesten Tennisturnier der Welt: Wimbledon, ein Ort, an dem nicht nur weiß gekleidet, sondern auch elegant gelebt wird. Als ich zum ersten Mal in der Zuschauermenge stand, empfing mich kein steifer Salon, sondern eine lebendige, fast heitere Gemeinschaft, die ihren eigenen Dresscode mit einer Prise Spielfreude zelebriert. Zach Weiss, amerikanischer Modeexperte und Berater, formulierte es so treffend: „Ich war überrascht, dass die Atmosphäre nicht streng ist, obwohl überall Blazer und Krawatten zu sehen sind. Es ist so gesellig und spaßig wie die US Open, nur eben weniger rough.“
Weiss ist kein Unbekannter in der Welt der Grand-Slam-Events. Der Mann, der schon einmal im Mittelpunkt zahlreicher Paparazzi-Bilder mit Timothee Chalamet und Kylie Jenner beim Arthur-Ashe-Stadion stand, war hier zum ersten Mal zu Gast. Seine Erfahrung in New York, wo legere Coolness regiert, kontrastiert wunderbar mit der britischen Tradition. „Für Amerikaner ist das Ankleiden für Wimbledon fast wie Cosplay“, sagt er, „aber für die Briten ist es sehr real. Komfort oder eine zu lockere Haltung stehen nicht im Vordergrund, hier bleiben die altehrwürdigen Traditionen lebendig – dazu gehört eben auch, sich zu kleiden.“
Und das sieht man. Im Trubel rund um den Centre Court treten Stars und Sternchen aller Couleur auf den Rasen – in Anzügen, die mehr von gehobener Pariser Schneiderkunst als von sportlichem Auf-die-Schnelle-machen zeugen. David Beckham, der ewige Gentleman, meistert seine Auftritte mit der Leichtigkeit eines Mannes, der weiß, wie man Ruhe ausstrahlt, ohne dass es langweilig wird. Und dann steht da plötzlich Dave Grohl, Rocker durch und durch, der sich ebenso wie die Traube der Architektur- und Modeprofis in Anzug und Krawatte zeigt. Ein Bild, das ein wenig irritiert, aber genau dies gehört dazu: die Auffrischung der Traditionen durch neue Interpretationen.
Stylist Warren Alfie Baker, verantwortlich für die Outfits von Glen Powell und Andrew Garfield, fasst es perfekt zusammen: „Das Ziel ist, eine mühelose Eleganz zu erreichen, die den reichen Traditionen Respekt zollt.“ Beim Blick auf den feinen Prince-of-Wales-Karo-Anzug, in dem Glen Powell über die Anlage schritt, bleibt kein Zweifel: Die Linie zwischen Respekt und Eigeninterpretation ist eine Gratwanderung – und ihre Vollendung eine Kunst.
Tom Holland, der seine Anfänge als jugendlicher Spider-Man in einfachen Fußballtrikots hatte, hat sich auf den Wimbledon-Sitzplätzen elegant weiterentwickelt. Von einem tadellos geschnittenen Ralph-Lauren-Anzug vor fünf Jahren bis hin zu einem entspannten, pinken JW Anderson-Hemd und weiten Jeans dieses Jahr, zeigt sich eine kleine Metapher für seine persönliche Entwicklung: eine Mischung aus Komfort, Stil und dem Selbstbewusstsein, das größere Freiheit erlaubt. „Ich mag es, bequem zu sein, aber ich lege auch Wert darauf, gepflegt auszusehen. Wimbledon verbindet genau diese beiden Dinge“, sagt er. Und wenn man ihn nach seinem Lieblingslook fragt, strahlt er und denkt an keine Geringere als Zendaya, die in einem Ralph Lauren-Anzug so souverän wirkte, „dass sie wie ein Teil unserer Community aussah. Das bedeutete mir viel.“
Diese Leichtigkeit, die Tom Holland beschreibt, ist kein Zufall, sondern eine Haltung, die man oft bei den erfahrensten Zuschauern sieht. Zach Weiss brachte es auf den Punkt, als er erzählte, von einem älteren Herrn im weißen Leinenanzug mit Panama-Hut und perfekt eingelaufenen zwei Ton-Oxfords beeindruckt gewesen zu sein – einem Auftritt, der nicht gekauft werden kann, sondern aus Jahre langer, liebevoll gepflegter Routine entsteht. Dieses Patina der Eleganz, die sich wie ein guter Wein mit der Zeit entwickelt, ist wohl das eigentliche Geheimnis von Wimbledon-Mode.
Wer an Wimbledon denkt, sieht vielleicht zuerst die Spieler im klassischen Weiß, dieselbe Farbe, die der Kleidung der Besucher ihre stilvolle Form verleiht. Doch hier geht es längst nicht nur um die Farbe. Es ist der respektvolle Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen der Lust am schönen Anziehen und dem Verständnis für das, was bleiben soll. Ein lebendiges Stück britischer Identität, das sich mit jedem Jahr neu erzählt – am Rande des Tennisplatzes, auf dem Rasen und in den Gängen zwischen den Tribünen.
Wimbledon ist mehr als ein Tennisturnier. Es ist eine Bühne, auf der Lebensart und Mode eine stille, aber eindrucksvolle Inszenierung eingehen. Vielleicht liegt darin der eigentliche Reiz: Nicht der erzwungene Glanz, sondern die spielerische Eleganz, mit der sich Menschen begegnen, die inmitten weltweiter Blicke ein kleines traditionsreiches Universum bewahren – und darin ihre eigenen Geschichten tragen. So wie der ältere Herr mit den Abgetragenen Schuhen, der Tom Holland in seinen Jeans und das Paar, das mit einem Hauch von Ralph Lauren über den Platz schreitet. Wimbledon verbindet sie alle, in einem Tanz zwischen gestern und heute, zwischen Komfort und Stil, zwischen Tradition und Moderne. Und genau darin offenbart sich sein ganz eigener, unwiderstehlicher Charme.