Reisen – für viele von uns eine willkommene Flucht aus dem Alltag, ein Aufatmen in unbekannten Gefilden und ein Eintauchen in neue Kulturen. Doch hinter all den glitzernden Fassaden der Hotels verbirgt sich oft das Grauen, das gleich hinter der nächsten Zimmertür lauert. Die Vorstellung, dass tausende Gäste vor uns in derselben Matratze geschwitzt haben, uns denselben Wasserkocher benutzen – es ist nicht nur der Stress des Reisens, der uns schaudern lässt, sondern auch das Ekelgefühl, das mit diesen alltäglichen, aber oft ignorierten Dingen einhergeht.
Ein kürzlich veröffentlichter Artikel über “Die Top 5 der Hotelzimmer-Ekeligkeiten” regt dazu an, über die Hygienepraktiken in der Hotellerie nachzudenken. Während wir oft glauben, in einen sauberen Rückzugsort einzutauchen, der uns vom Stress des Reisens entlastet, zeigt sich, dass viele Zimmer nicht die Oasen sind, die sie zu sein scheinen. Das Schlafzimmer im Hotel ist nicht nur ein Raum zur Erholung, sondern auch ein Ort, der von den spuren fremder Menschen und deren Gewohnheiten geprägt ist.
Das erste Ekelgefühl kommt oft schon beim Betreten des Zimmers. Der Fußboden, der auf den ersten Blick blitzblank zu sein scheint, könnte bei näherer Betrachtung ein Sammelsurium aus Krümeln, Haaren und anderen unidentifizierbaren Rückständen bergen. Was für uns der Anblick einer aufwändig gefalteten Bettdecke ist, könnte für den Reinigungsdienst lediglich eine Einladung zu einer oberflächlichen Reinigung sein, bei der alles was nicht auf den ersten Blick zu sehen ist, kurzerhand ignoriert wird.
Die Matratze, auf die wir uns fallen lassen, ist meist jener geheimnisvolle Ort, an dem Geschichten und Gewohnheiten von zahllosen Gästen vereint liegen. Stell dir vor, in dieser Matratze verbirgt sich das Schwitzen und die Träume fremder Reisender. Biologen haben herausgefunden, dass auf jeder Matratze bis zu zwei Millionen Hausstaubmilben leben können. Wenn man sie einmal im Kopf hat, wird die Erholung fast unmöglich. An kaum einem anderen Ort ist der Gedanke an eine ebenso intime wie unbekannte Gemeinschaft so präsent.
Nicht zu vergessen der Kühlschrank. Ein unscheinbarer Ort, der oft von Gästen als Lager für ihre mitgebrachten Snacks und Getränke missbraucht wird. Doch wir haben alle schon von den Prüfungen gehört, die die Reinigungskräfte durchlaufen müssen, um zumindest die grundlegendsten Hygiene-Standards zu gewährleisten. Manchmal bleibt nur ein Oberflächenputz, was meist genügt, um das Auge besänftigen zu können. Bei einem Blick hinein läuft man Gefahr, nicht nur Denkanstöße zum Seminar über Essen und dessen Aufbewahrung zu erhalten, sondern auch Königskrabben am Rande von schimmligen Nachtisch zu entdecken.
Die Badezimmer hingegen sind eine eigene Welt des Ekels. Die Kunst des Verbergens wird hier besonders deutlich, wenn wir über die Hygiene der Bademäntel nachdenken, die nicht immer so frisch sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Da sind die Duschvorhänge, die von Schimmel und Kalkablagerungen geprägt sind. Man könnte versuchen, sich einen angenehmen Moment unter fließendem Wasser vorzustellen, während der Gedanke an die Neigung von vorbeigehenden Gästen, den Vorhang zur Seite zu ziehen, für den ein oder anderen zum Albtraum werden könnte.
Die Liste der Ekel-Faktoren ist lang – der Wasserkocher, der nur einige Millimeter von dem Sitzplatz entfernt steht, wird oft als der Punkt, an dem wir ins Grübeln geraten über Dinge, die wir nicht wissen wollen. Das antiseptische Gefühl, einen eigenen Wasserkocher zu nutzen, ist oft nichts gegen die Vorstellung, was sich in dem Sieder gebildet haben könnte, während andere Gäste ihre Teebeutel darin ertränkt haben. Oft wird einem nicht einmal bewusst, dass man sich vielleicht mit Bakterien ansteckt, die nicht nur die eigene Reise, sondern auch die nachfolgende Woche beeinträchtigen könnten.
In den letzten Jahren hat sich das Verständnis von Sauberkeit jedoch verändert. COVID-19 hat das Bewusstsein für Hygiene in der Gastronomie und besonders in der Hotellerie geschärft. Plötzlich wurde das Unbekannte zur neuen Norm: Desinfektionsmittel stehen bereit, berührungsfreie Check-ins sind auf dem Vormarsch. Aber ist das wirklich eine Besserung? Schafft eine humane Behandlungsweise auch echte Hygiene? Oder sind wir lediglich auf der Suche nach einem neuen Gleise, das uns die Illusion von Sicherheit vermittelt?
Die derzeitig aufflammende Debatte zu Oberflächenreinigungen zeigt, dass es nicht nur der menschliche Körper ist, der auf den Komfort eines sauberen Zimmers angewiesen ist. Die Frage nach dem Wie, wo und mit welchen Mitteln die Reinigung stattfindet, wird bedeutend. Zudem passiert in der Hotellerie ein kultureller Wandel: Immer mehr Gäste verlangen nach Transparenz. Während einige nach Erlebnissen streben, die einen Bezug zu Achtsamkeit und Wellness haben, wünschen sich andere die Authentizität vergangener Hotel-Rituale zurück.
Der ehemalige Hotelier Max Hansmann beschreibt einmal, wie sich in seinem langjährigen Warten als Manager entschied να viele der Probleme sichtbar machen sollten. „Es gibt einfach keine Übernachtungen unter einer gewissen Hygiene, auch nicht in den luxuriösesten Häusern,“ sagt er mit einem schiefen Lächeln. „Die Gäste sind oft viel genauer als wir denken. Der Mund des Reisenden ist schnell und nichts bleibt im Verborgenen.“
Geht man mit diesen Erkenntnissen ans Reisen, kann der Ekelgefühl einer ungewissen Alltagsfreiheit weichen – und so wird das Zimmer nicht länger zum Unbekannten, sondern vielleicht sogar zum Ort der eigenen Enthaltsamkeit. So können wir bei aller Tatsächlichkeit die Kontrolle über unser eigenes Erleben zurückgewinnen, auch wenn der Gedanke an die Matratze uns immer begleiten wird. Bei all den kleinen, mehr oder weniger ekligen Entdeckungen bleibt letztlich nur eine Frage offen: Was bedeutet es, wirklich zu reisen? Es ist oft mehr als nur das Ziel.