Mit 50 fängt das Leben neu an – so lautet einer dieser abgedroschenen Sprüche, die man beiläufig wegwinkt, solange das eigene Leben einigermaßen auf Schiene zu bleiben scheint. Doch was passiert, wenn man plötzlich ganz unten anfängt, nicht aus freien Stücken, sondern weil die Welt sich – im wahrsten Sinne des Wortes – über Nacht gedreht hat? Stephen Starring Grant kennt diese Antwort aus erster Hand.
Im Frühjahr 2020, als die Pandemie das öffentliche Leben lahmlegte, die Büros schlossen und sich die Marketingbranche einem abrupten Stillstand gegenübersah, arbeitete Grant gerade als erfahrener Marketingprofi in einem mittelgroßen Unternehmen in Atlanta. Über zwei Jahrzehnte hatte er sich Schritt für Schritt ein Karrierefundament gebaut, das stabil schien und auf dem man hätte ausruhen können. Doch dann kam Covid-19 und riss alles nieder. Seine Firma wurde von der Krise hart getroffen, die Budgets für Marketingprojekte wurden gestrichen, und wie viele andere sah sich Grant – 51 Jahre alt – plötzlich auf der Suche nach einer neuen Anstellung. Nur, dass die Stellen nicht mehr waren wie zuvor.
Viele mögen sich in dieser Situation machtlos fühlen, fast wie ein Schiffbrüchiger auf unbekanntem Gewässer. Doch Grant wählte einen anderen Kurs. Statt zu verzweifeln, entschloss er sich, die Herausforderung anzunehmen und klein anzufangen – nicht mehr als Senior Marketingmanager, sondern als einfacher Social-Media-Koordinator in einer aufstrebenden Start-up-Schmiede. Eine Rolle, die er Jahre zuvor als zu wenig reichweitenstark abgetan hätte, entpuppte sich als ein Neuanfangsmoment mit ungeahnten Chancen.
„Es war demütigend und befreiend zugleich“, erzählt Grant in einem Café, das als Büroersatz dient, während wir uns über die Flut an Veränderungen unterhalten, die sein Berufsleben erfasst haben. „Plötzlich musste ich wieder grundsätzliche Dinge lernen, neu denken. Mein Wissen war nicht mehr selbstverständlich, ich musste mir alles wieder hart erarbeiten.“ Das heißt nicht, dass der 50-Jährige sich klein gemacht hat. Ohne Scheu nahm er Videokurse über digitale Trends, sponsorte sich Werkzeuge für neue Programme und machte sich mit den Generationen vertraut, deren Sprache sich in Emojis und TikTok-Snippets ausdrückt.
Diese Erfahrung, am eigenen Leib, im Herzen jener Generation geboren zu sein, die viele heute für „auslaufendes Modell“ halten, offenbart einen tieferen Riss in unseren Vorstellungen vom Arbeitsleben. Rentner, Hospitäler, oder halbgare Frühverrentungen – das sind die Alternativen. Die Idee, mit 50 oder 60 noch einmal eine Laufbahn mit neuen Zielen und Strapazen zu beginnen, liegt außerhalb der Komfortzone der Gesellschaft – und oft weit entfernt von persönlicher Vorstellungskraft.
Doch Grant beweist, dass genau das möglich ist. Nicht durch Naivität oder blindes Optimismus, sondern durch die Bereitschaft, sich zu verbiegen und doch offen zu bleiben. Sein Alltag in der Start-up-Welt ist gleichzeitig chaotisch und spannend: Plötzlich gilt es, „viral“ zu gehen, Social-Media-Trends zu erkennen oder schräge Hashtags zu erfinden. Nicht immer läuft es glatt. „Manchmal fühle ich mich wie ein Kind, das zum ersten Schultag geht“, sagt er lachend. Gleichzeitig spürt er die Freude daran, etwas Neues lernen zu können, nicht nur zu arbeiten, sondern sich offen in eine ungeschriebene Zukunft zu begeben.
So sehr diese persönliche Geschichte von einem Verlust erzählen mag und von der Notwendigkeit, sich immer wieder neu zu beweisen, so sehr ist sie auch ein Spiegel unserer Gegenwart. Wie wollen wir Arbeit definieren, wenn die Welt nicht mehr durch die klare Abfolge von Schulabschluss, Karriere, Pension strukturiert wird? Was heißt Erfolg, wenn man mit Fünfzig noch mal ganz von vorne beginnen muss, ohne Garantie, die nächste Karriereleiter zu erklimmen?
Vielleicht hängt die Antwort darin, dass Stephen Starring Grant nicht nur Marketing macht, sondern auch eine Geschichte von Resilienz erzählt. Von der Kunst, wandelbar zu bleiben, ohne sich selbst zu verlieren. Und von der leisen Erkenntnis, dass nicht jede Wendung im Leben ein Abriss sein muss, sondern auch eine Einladung, die Form neu zu finden. Das allerdings, so sagt er, erfordert Mut, Demut und eine gute Portion Humor.
Wenn wir ihn fragen, wie seine Zukunft aussieht, schmunzelt Grant und meint: „Ich weiß es ehrlich gesagt noch nicht. Aber vielleicht ist das die einzige Konstante, die heutzutage zählt.“ Ein Satz, der im Zeitalter der Unsicherheit keine Kapitulation, sondern eine kleine, entschlossene Widerstandshandlung zu sein scheint. Denn mit 50 neu anfangen, das ist längst keine Randgeschichte mehr – es ist ein neues Kapitel, das viele schreiben werden. Nur nicht jeder scheint es schon zu wissen.