Im Glanz der leeren Titel: Warum wir Erfolg neu denken müssen
Es ist ein warmer Dienstagmorgen in Hamburg, als Susanne Müller durch die gläsernen Flure ihres Unternehmens streift. Früher hätte sie sich über ihren neuen Titel „Leiterin Innovationsmanagement“ gefreut – heute nicht mehr so sehr. Die schillernden Termini sind verblasst wie eine überbelichtete Neonschrift in einer Innenstadt, die ihre Faszination verloren hat. Susanne ist Mitte 30, hoch qualifiziert und verdient gut. Doch die Tatsache, dass sie vor Kurzem eine „Beförderung“ erhielt, die klafft zwischen Mogelpackung und Auszeichnung, lässt sie ratlos zurück. Es ist ein Gefühl, das mehr mit Enttäuschung als mit Begeisterung zu tun hat. Willkommen in einer neuen Ära der Leistungsmessung.
„Flashy Titles and Salaries are no longer the gold standard for defining achievement“, schreibt eine internationale Studie, die derzeit in den Managementkreisen die Runde macht. Die Karriereleiter sieht anders aus als noch vor zehn Jahren. „Vollzeit-Führungskraft“, „Senior Vice President“ oder „Head of something important“ – alles Begriffe, die ihre Kraft verlieren, wenn dahinter keine echte Substanz mehr steht. Susanne spürt das täglich, wenn sie aus Meetings kommt, in denen es weniger um Innovation und mehr um das Verwalten einer aufgeblähten Hierarchie geht. Sie erinnert sich an ihre erste Stelle: Damals zählte vor allem, was man leistete, nicht, welchen Namen die Visitenkarte trug.
Die fast schon inflationäre Vergabe pompöser Funktionsbezeichnungen ist Teil eines größeren Phänomens: Die Wirkung veralteter Leistungsmodelle verrinnt – im gleichen Tempo, in dem sich Arbeitswelten wandeln. Mitarbeiter-Umfragen zeigen, dass weder großzügige Bonuszahlungen noch pompöse Titel die Motivation steigen lassen. Im Gegenteil: Sie schaffen oft Unzufriedenheit und das Gefühl, als bloße Zahlen in einem Ökosystem wahrgenommen zu werden, wo Menschlichkeit und Sinnfragen kaum eine Rolle spielen.
Nehmen wir Tomasz, einen Softwareentwickler aus Berlin. Ihm wurde kürzlich der Titel „Tech Lead“ verliehen, obwohl seine Aufgaben sich kaum veränderten – und sein Gehalt blieb ebenfalls auf dem gleichen Niveau. „Es fühlt sich an, als wollte man mich mit einem neuen Label bei der Stange halten“, sagt er trocken. Dass dies nicht nur seine Wahrnehmung ist, bestätigen auch Personalexperten. Vielmehr sind diese „Tarnbezeichnungen“ teils Ausdruck einer tiefer liegenden Verunsicherung in Unternehmen, die mit den Herausforderungen der modernen Wissensgesellschaft ringen.
Was bleibt, wenn der Glanz der Titel verblasst? Orientierung, die aus anderem Holz geschnitzt ist. Einige Organisationen setzen verstärkt auf das Konzept der Sinnorientierung: Menschen wollen mehr als nur Status und Geld – sie verlangen nach einer Arbeit, die sie als Ganzes begreift. Es geht um Verantwortung, um Gestaltungsspielräume und darum, Teil von etwas zu sein, das über die eigene Person hinausgeht.
„Ich merke, wie meine junge Kollegin nachts motivierter ist, weil sie an einem Projekt arbeitet, das wirklich Menschen hilft“, erzählt Susanne. In ihrer Firma wird gerade ein neuer Antrieb ausgelotet: Weg vom bloßen Prestige, hin zu echter Wirkung. Das klingt nach Idealismus – aber vielleicht ist genau das die neue Währung, mit der Erfüllung gemessen wird.
In manchen Kreisen wird die Abkehr von der Titelglorifizierung bereits als eine Art Revolution gefeiert. Andere winken müde ab, weil ihnen der Pragmatismus der „alten Schule“ fehlt: Ohne harte Hierarchien, schlichtes Messen von Leistung und einem ordentlichen Gehalt gebe es doch keinen Ansporn. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen – in einer Zwischenwelt aus Skepsis, Sehnsucht und dem mühsamen Ausloten neuer Werte.
Und während Susanne durch das Bürofenster auf die vorbeiziehenden Menschen blickt, fragt sie sich, wie sich ihre Berufsbiografie in zehn Jahren liest. Nicht als eine Liste bunter Titel, sondern als eine Geschichte, die von ehrlicher Arbeit, echten Verbindungen und einer Suche nach Sinn geprägt ist. Vielleicht braucht es gar keine leuchtenden Schilder mehr. Vielleicht reicht es, einfach zu wissen, dass man etwas bewegt hat – auch ohne das Wort „Leiterin“ auf der Visitenkarte.